Arsen-Vorsorge — DGUV E ARS, Pflichtvorsorge und nachgehende Vorsorge
„Arsen und seine anorganischen Verbindungen zählen zu den krebserzeugenden Stoffen der Kategorie 1A. Sie wirken sowohl bei inhalativer als auch bei oraler oder perkutaner Aufnahme. Die akute Vergiftung kann tödlich verlaufen.“
— DGUV Empfehlung „Arsen und Arsenverbindungen“ (E ARS), Fassung Januar 2022, S. 74
1. Was ist die Arsen-Vorsorge?
Die Vorsorge nach DGUV E ARS gilt für alle Beschäftigten, die mit Arsen oder anorganischen Arsenverbindungen umgehen. Schutzziel ist die Früherkennung arsentypischer Erkrankungen — Hyperkeratosen (Hyperkeratosis palmoplantaris arsenicalis), Polyneuropathie, Bronchialkarzinom, Hautkrebs und Leberangiosarkom. Sämtliche arsenbedingten Erkrankungen fallen unter BK 1108.
Aufnahme inhalativ, perkutan und oral. Akkumulation in Haut, Haaren, Nägeln, Knochen und ZNS. Latenzzeit bis Bronchialkarzinom 15–40 Jahre.
2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026
- ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV mit § 11 (CMR-Stoffe)
- TRGS 561, 905, 910 — Krebserzeugende Metalle, CMR-Verzeichnis, Risikokonzept
- TRGS 401 — Hautkontakt; TRGS 903 — BGW
- AMR 11.1, 6.2. 6.3, 2.1
- BKV BK 1108 (Krebs durch Arsen), BK 5102 (Hautkrebs durch Arsen)
3. Vorsorgeanlässe
Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Arsen oder Arsenverbindungen, wenn: der AGW nach TRGS 900 nicht eingehalten wird (aktuell nur für Arsenwasserstoff/Arsin festgelegt), oder eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann und die Arsenverbindung CMR 1A/1B ist, oder die Arsenverbindung hautresorptiv ist und Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann. Hinweis: Metallisches Arsen, Arsenwasserstoff und Galliumarsenid sind nicht hautresorptiv (DGUV E ARS S. 75, Fußnoten 2–3).
Angebotsvorsorge wenn keine Pflicht greift.
Nachgehende Vorsorge bei Tätigkeiten mit krebserzeugenden oder keimzellmutagenen Arsenverbindungen der Kategorie 1A/1B über das Meldeportal DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de). Anmeldung beim Ausscheiden wegen langer Latenzzeit für Bronchialkarzinom (15–40 Jahre) essenziell.
Wunschvorsorge auf Verlangen der versicherten Person.
Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate je nach Exposition; Nachgehende Vorsorge: spätestens alle 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3). Bei Auffälligkeiten oder erhöhtem Risiko verkürzte Fristen nach ärztlichem Ermessen.
4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten
4.1 Höhere Exposition
- Halbleiter-/Elektronikfertigung (Galliumarsenid, Indiumarsenid, Diffusionsverfahren)
- Glasindustrie (Arsenoxid als Läuterungsmittel — historisch / Rückbau)
- Holzschutzmittel-Produktion und Anwendung (CCA-Präparate, historisch)
- Buntmetallhütten (Kupfer-, Blei-, Zinkrohstoffe als Begleitelement)
- Pyrotechnik und Munitionsproduktion
4.2 Top-3-Branchen IAAI
Halbleiter-/Elektronikfertigung. Gallium- und Indium-Arsenid in Diffusions-, Implantations- und CVD-Anlagen. Pflichtvorsorge mit Arsen-Spezies-Biomonitoring im Urin.
Glasindustrie. Restbestände As2O3-haltiger Läuterungsverfahren — nachgehende Vorsorge für Altmitarbeiter zwingend.
Holzschutz / Rückbau. CCA-Sanierung an alten Bahnschwellen, Strommasten, Spielgeräten.
5. Untersuchungsumfang
5.1 Beratung & Anamnese
Anamnese: Hautveränderungen (Hyperkeratosen, Mees-Nägel, Hyperpigmentierungen), Polyneuropathie-Symptome, Tabakanamnese; Ernährungsanamnese mit Fokus auf Fisch/Meeresfrüchte-Konsum (Arsenobetain als Confounder) und ungeschälten Reisprodukten (anorganisches Arsen als Confounder); Medikamentenanamnese, insbesondere Trisenox® und Melarsoprol (DGUV E ARS Abschn. 7.1).
5.2 Körperliche Untersuchung
Inspektion der Haut (palmoplantar Hyperkeratosen, Hyperpigmentierungen, Mees-Nägel-Querstreifen), Lymphknotenstatus, neurologische Untersuchung mit Schwerpunkt distale sensible Polyneuropathie, Auskultation Lunge.
5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring
- Arsen-Spezies-Analyse im Urin: Trennung anorganisches Arsen + Methyl-/Dimethylarsen-Metaboliten von organisch-fischeigenem Arsenobetain (diätetisch). Goldstandard.
- Ergänzend nach ärztlichem Ermessen: Leberenzyme (GOT/GPT/γ-GT), kleines Blutbild, Kreatinin, Urinstatus, Ruhe-EKG (QT-Verlängerung als kardiotoxische Wirkung anorganischer Arsenverbindungen bekannt).
6. Beurteilung und Bescheinigung
Vier-Stufen-Schema: keine / empfohlene Maßnahmen / verkürzte Fristen / Tätigkeitswechsel zu erwägen. Bei manifesten Hyperkeratosen, Polyneuropathie oder Tumorverdacht: BK-Verdachtsanzeige nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.
7. Praxistipps für Unternehmen
1. Substitution dokumentieren — GefStoffV-Pflicht. 2. Hautkontakt vermeiden — Doppelhandschuhe, Vollschutz. 3. Nachgehende Vorsorge anmelden — Anmeldung bei DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) bei jedem Austritt.. 4. Tabakprogramm — multiplikatives Risiko mit Arsen. 5. Vorsorgekartei nach § 3 ArbMedVV lückenlos führen — Verstöße bis 5.000 Euro je Fall.
8. Praxistipps für Betriebsärzte
- Aktuelle Gefährdungsbeurteilung mit Stoffliste anfordern
- Hautstatus mit Fokus palmoplantar; Hyperpigmentierungen fotodokumentieren
- Arsen-Spezies-Analyse im Urin: Beachte diätetisches Arsen aus Fisch — Karenzperiode 3 Tage vor Probennahme
- BK 1108 / 5102 bei Verdacht zeitnah anzeigen
- Meldung bei DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) beim Ausscheiden anstoßen
9. Häufige Fragen (FAQ)
Wer trägt die Kosten?
Der Arbeitgeber. Nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert die GVS.
Wie unterscheidet man berufliches von diätetischem Arsen?
Spezies-Analyse: Anorganisches Arsen + Methyl-Metaboliten = Expositionsindikator. Arsenobetain = diätetisch (Fisch).
Welche Berufskrankheiten?
BK 1108 (Krebs durch Arsen), BK 5102 (Hautkrebs durch Arsen).
Hyperkeratose — was tun?
Dermatologische Abklärung, Tätigkeitswechsel prüfen, BK-Verdachtsanzeige.


10. Quellen
- DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Arsen und Arsenverbindungen (E ARS), 2. Auflage September 2024, S. 74–97.
- ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
- TRGS 561, 905, 910, 401, 903
- BK 1108, BK 5102, AMR 6.2
Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.