Gefahrstoffe · DGUV-Empfehlung

G8-Untersuchung: Benzol-Vorsorge

Auf einen Blick: Benzol ist krebserzeugend Kategorie 1A. Pflichtvorsorge bei nicht ausschließbarer Exposition; nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang. Berufskrankheit BK 1303 (Erkrankungen durch Benzol, seine Homologe oder durch Styrol), BK 1317 (Polyneuropathie oder Enzephalopathie durch organische Lösungsmittel oder deren Gemische), BK 1318 (Erkrankungen des Blutes, des blutbildenden und des lymphatischen Systems durch Benzol — vor allem akute myeloische Leukämie (AML) und myelodysplastisches Syndrom (MDS). TRGS 910 risikobasiert. 
Dr. med. Fabian Wengler · Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst · Geprüft von Johannes F. Angerer · 14 Min Lesezeit

„Benzol zählt zu den krebserzeugenden Stoffen der Kategorie 1A. Eine wesentliche Aufnahme erfolgt inhalativ und perkutan. Bei chronischer Exposition stehen hämatotoxische Wirkungen mit Schädigung des blutbildenden Systems im Vordergrund.“

— DGUV-Empfehlung „Benzol“

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1. Was ist die Benzol-Vorsorge?

Die Vorsorge nach der DGUV-Empfehlung richtet sich an Beschäftigte mit Exposition gegenüber Benzol — dem klassischen aromatischen Kohlenwasserstoff aus Mineralölprodukten, Treibstoffen und chemischen Synthesen. Schutzziel ist die Früherkennung benzolinduzierter Bluterkrankungen, vor allem akuter myeloischer Leukämie (AML) und myelodysplastischer Syndrome (MDS).

Akzeptanzkonzentration       0,06 ppm        0,2 mg/m³
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Toleranzkonzentration            0,6 ppm         1,9 mg/m³ (Überschreitungsfaktor: 8)

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

  • ArbMedVV Anhang Teil 1 Abs. 1 Nr. 1; GefStoffV mit § 10 (CMR-Stoffe)
  • TRGS 910 — risikobezogenes Maßnahmenkonzept Benzol
  • TRGS 905 — CMR-Verzeichnis
  • TRGS 401 — Hautkontakt; TRGS 903 — BGW
  • AMR 11.1, 6.3, 2.1
  • BKV BK 1318 — Erkrankungen des Blutes, des blutbildenden und lymphatischen Systems durch Benzol

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorgebei Tätigkeiten mit Benzol oder benzolhaltigen Stoffen, wenn eine wiederholte Exposition oder eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann.
Angebotsvorsorge
 wenn keine Pflicht greift. 
‍Nachgehende Vorsorge lebenslang über GVS bei www.dguv-vorsorge.de.

Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme; Zweite Vorsorge spätestens 12 Monate nach Aufnahme der Tätigkeit; nachgehende Vorsorge alle 36 Monate.
Verkürzte Fristen nach ärztlichem Ermessen bei Auffälligkeiten (in Anlehnung an die AMR 2.1 Ziffer 3 Absatz 4).

Fristen der Vorsorge
Erste Vorsorge
innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Zweite Vorsorge
spätestens zwölf Monate nach Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 2 Buchst. c)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)
Nachgehende Vorsorge
nach Ende der Tätigkeit anzubieten, jeweils spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3, § 5 Abs. 3 ArbMedVV)
Die Fristen sind Höchstfristen. Der Arzt oder die Ärztin kann kürzere Fristen festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht notwendig ist (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 4).

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

4.1 Höhere Exposition

  • Mineralölindustrie (Raffinerie, Tanklager, Tankreinigung)
  • Tankstellenbetrieb (Tankzugbedienung, historische Restbeläge)
  • Chemische Synthese (Benzol als Zwischenprodukt)
  • KFZ-Werkstätten (Treibstoff, Kaltreiniger — historisch)
  • Kokereien, Benzolgewinnung

4.2 Top-3-Branchen IAAI

Mineralöl-/Tankstellenbetriebe. Tankzug-Befüllung, Erdtank-Reparatur, Saugbaggerei. Pflichtvorsorge flächendeckend mit S-PMA und t,t-MA-Biomonitoring.

Chemische Industrie. Synthese mit Benzol als Zwischenprodukt — in geschlossenen Anlagen mit überwachter Restexposition.

KFZ-Werkstätten / Motorenprüfung. Tankreparaturen, Vergaserreinigung, Bremsenreinigung. Auch hier lückenlose Vorsorge wegen TRGS 910 risikobasiert.

5. Untersuchungsumfang

5.1 Beratung & Anamnese

Beratung zu Hautresorption, Tabakrisiko (Tabakrauch enthält selbst Benzol), PSA.
Anamnese: Müdigkeit, Infektneigung, Hämatom-Neigung, Schleimhautblutungen — frühe Marker einer Knochenmarkdepression.

5.2 Körperliche Untersuchung

Inspektion Haut/Schleimhäute (Blässe, Petechien), Lymphknoten- und Milzpalpation, Auskultation Herz/Lunge.

5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring

  • Differentialblutbild: Erythrozyten, Leukozyten mit Differenzierung, Thrombozyten, MCV, Retikulozyten
    -> Im Rahmen der nachgehenden Vorsorge kann das Biomonitoring in der Regel entfallen
    -> Ergänzend in unklaren Fällen: hämatologische Untersuchung 
  • S-Phenylmercaptursäure (S-PMA) im Urin als spezifischer Benzol-Biomarker (Beurteilung über Äquivalenzwerte nach TRGS 910)
  • trans,trans-Muconsäure (t,t-MA) im Urin als zusätzlicher Indikator
    -> Störfaktoren: Alkoholkonsum und sorbinsäurehaltige Lebensmittel (Konservierungsstoff E 200) können t,t-Muconsäure-Werte erhöhen und eine Benzolexposition vortäuschen. S-PMA ist daher der spezifischere Marker.
  • Ergänzend: GOT, GPT, GGT

5.4 Bei Auffälligkeiten

Knochenmarkpunktion durch Hämatologen, ggf. Zytogenetik (5q-/7q-/komplexe Karyotypen) bei Verdacht auf MDS/AML.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Vier-Stufen-Schema. Bei Differentialblutbild-Auffälligkeiten oder erhöhtem S-PMA: verkürzte Frist, ggf. Tätigkeitswechsel. Bei begründetem Verdacht: BK-Anzeige BK 1318 nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Substitution dokumentieren (CMR-Pflicht).
‍2. TRGS 910-Bewertung: Akzeptanz- und Toleranzkonzentration nachvollziehbar dokumentieren.
‍3. Geschlossene Systeme bei Probenahme.
‍4. ZAS/GVS-Anmeldung bei jedem Austritt.
‍5. Tabakprogramm (Eigenbenzol durch Rauchen).
‍6. Vorsorgekartei lückenlos.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

  • Differentialblutbild manuell auswerten lassen — frühe Knochenmarkdepression zeigt sich oft nicht in Maschinen-Befunden.
  • Tabakanamnese in Packungsjahren erfassen (PY) — Eigenbenzol durch Rauchen relevant
  • S-PMA als spezifischer Marker; Äquivalenzwerte nach TRGS 910 beachten
  • Bei Auffälligkeiten umgehend Hämatologie konsultieren
  • BK 1318 zeitnah anzeigen — inkl. AML, MDS, aplastische Anämie
  • ZAS-Meldung beim Ausscheiden anstoßen

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber. Nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert die GVS.

Was ist S-PMA?

S-Phenylmercaptursäure — ein spezifischer Urinmarker für Benzolexposition mit hoher Spezifität und Sensitivität.

Welche Berufskrankheit?

BK 1318 „Erkrankungen des Blutes, des blutbildenden und des lymphatischen Systems durch Benzol“ — vor allem AML, MDS, aplastische Anämie.

Was ist TRGS 910 risikobasiert?

Akzeptanzkonzentration 0,06 ppm (0,2 mg/m³), Toleranzkonzentration 0,6 ppm (1,9 mg/m³), Überschreitungsfaktor 8. Risikobezogene Schutzmaßnahmen je nach Konzentrationsbereich.

Hämatologie-Analysator zur Auswertung des Differential-Blutbildes
Differential-Blutbild als zentrale Erstuntersuchung der Benzol-Vorsorge.
Mechaniker mit Chemikalienschutzhandschuhen und Schutzbrille am Motorprüfstand mit Abgasabsaugung
Motorprüfstand mit Absauganlage — typische Benzol-Exposition in der KFZ-Werkstatt.

10. Quellen

  • DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Benzol, 2. Auflage September 2024.
  • Anhang Teil 1 Abs. 1 Nr. 1 (Pflichtvorsorge bei CMR-Stoffen der Kategorie 1A/1B)
    ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
  • TRGS 910 (risikobezogenes Maßnahmenkonzept), TRGS 905, 401, 903
  • BK 1303, BK 1317, BK 1318

Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

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G8-Untersuchung auf einen Blick

Die G8-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Vorsorge nach ArbMedVV für Beschäftigte, die Benzol einatmen oder Hautkontakt damit haben, etwa in Raffinerien und Tanklagern, in der chemischen Industrie oder bei Tankreparaturen. Seit 2022 ersetzt die DGUV-Empfehlung „Benzol“ den früheren Grundsatz G 8. Im Mittelpunkt steht das Blutbild, weil Benzol das Knochenmark schädigen kann.

ArtPflichtvorsorge bei wiederholter Exposition oder Hautkontakt, sonst Angebotsvorsorge; nachgehende Vorsorge
RechtsgrundlageArbMedVV Anhang Teil 1 Abs. 1 Nr. 1 (Pflicht) und Abs. 2 Nr. 1 (Angebot); nachgehende Vorsorge § 5 Abs. 3 ArbMedVV
Für wenMineralölindustrie, Tanklager, chemische Industrie, Kokereien, Kfz-Werkstätten mit Kraftstoffkontakt
Fristvor Aufnahme der Tätigkeit, spätestens nach 12 Monaten, dann spätestens alle 36 Monate (AMR 2.1)
Kostenträgt der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG)
Wer untersuchtFacharzt für Arbeitsmedizin oder Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV)

Muss ich bei der Benzol-Vorsorge Blut abgeben?

Bei Pflichtvorsorge ist die Teilnahme am Termin Voraussetzung für die Tätigkeit (§ 4 Abs. 2 ArbMedVV). Pflicht ist aber nur das Beratungsgespräch. Blutbild und Urinprobe gehören zur Vorsorge, dürfen aber nicht gegen Ihren Willen erfolgen (§ 2 Abs. 1 Nr. 3 und § 6 Abs. 2 ArbMedVV).

Wer ablehnt, verzichtet auf die wichtigste Kontrolle. Veränderungen im Blutbild entstehen oft, bevor Sie etwas bemerken. Werte aus mehreren Jahren zeigen dem Arzt, ob sich etwas verändert. Angebotsvorsorge ist freiwillig, der Arbeitgeber muss sie aber regelmäßig erneut anbieten.

Ihre Werte erfahren nur Sie. Der Arbeitgeber erhält eine Vorsorgebescheinigung mit Datum, Anlass und nächstem Termin, aber ohne Befunde. Es gilt die ärztliche Schweigepflicht.

Wer darf die Vorsorge nach G 8 durchführen?

Nur ein Facharzt für Arbeitsmedizin oder ein Arzt mit der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV). Ein Hausarzt darf die Vorsorge nur übernehmen, wenn er eine dieser Qualifikationen hat. Frühere Blutbilder vom Hausarzt sind trotzdem nützlich. Bringen Sie diese zum Termin mit, dann kann der Betriebsarzt Ihre Werte vergleichen. Ist ein Betriebsarzt bestellt, soll der Arbeitgeber vorrangig ihn beauftragen (§ 3 Abs. 2 ArbMedVV). Auffällige Blutbilder klärt ein Hämatologe weiter ab.

Die IAAI führt die Benzol-Vorsorge bundesweit durch, vor Ort im Betrieb oder in der Praxis, einschließlich Laboranalyse. Angebot anfordern

Was wird bei der G8-Untersuchung gemacht?

Die G8-Untersuchung umfasst ein Beratungsgespräch, Fragen nach Müdigkeit, Infekt- und Blutungsneigung, eine körperliche Untersuchung und ein Differentialblutbild. Zum Biomonitoring wird S-Phenylmercaptursäure im Urin bestimmt, ergänzend trans,trans-Muconsäure. Auffällige Blutbilder klärt ein Hämatologe weiter ab.

Wie oft wird die G8-Untersuchung wiederholt?

Die erste G8-Untersuchung findet vor Aufnahme der Tätigkeit statt, die zweite spätestens zwölf Monate danach und jede weitere spätestens nach 36 Monaten (AMR 2.1). Der Arzt kann kürzere Abstände festlegen, wenn es arbeitsmedizinisch nötig ist. Nach dem Ausscheiden muss der Arbeitgeber nachgehende Vorsorge anbieten; mit Ihrer Einwilligung kann er sie an den Unfallversicherungsträger übertragen (§ 5 Abs. 3 ArbMedVV).

Was sollte ich zum Termin mitbringen?

Bringen Sie Bescheinigungen früherer Vorsorgen, frühere Blutbilder, eine Medikamentenliste und Angaben zum Rauchen mit. Tabakrauch enthält selbst Benzol und beeinflusst die Werte im Urin.

Gilt der Grundsatz G 8 noch?

Nein, die DGUV hat den Grundsatz G 8 2022 durch die DGUV-Empfehlung „Benzol“ ersetzt. Die Nummer G 8 ist im Betriebsalltag weiter üblich. Die Pflicht zur Vorsorge ergibt sich nicht aus der DGUV-Empfehlung, sondern aus der ArbMedVV.