Gefahrstoffe · DGUV-Empfehlung

G2-Untersuchung: Blei-Vorsorge

Auf einen Blick: Anorganisches Blei (Bleioxid, -sulfat, -karbonat, -chromat) wird vor allem inhalativ und oral aufgenommen. Pflichtvorsorge bei Überschreitung einer Bleikonzentration in der Luft von 15 µg/m³. Angebotsvorsorge bei Einhaltung dieser Auslöseschwelle. BGW 150 µg/l im Vollblut; Für Frauen im gebärfähigen Alter gilt der BGW von 150 µg/l ohne separate Absenkung, da für die fruchtschädigende Wirkung kein sicherer Schwellenwert ableitbar ist. Für Schwangere und Stillende gelten die strikten Beschäftigungsbeschränkungen des MuSchG (§§ 11 und 12). Für Frauen im gebärfähigen Alter übernimmt die TRGS 505 den biologischen Leitwert von 45 µg/l aus der Richtlinie (EU) 2024/869 als Referenz.
Johannes F. Angerer · Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst · 14 Min Lesezeit

„Blei und seine anorganischen Verbindungen werden überwiegend inhalativ und oral aufgenommen. Eine perkutane Resorption findet praktisch nicht statt. Eine chronische Bleibelastung kann zu Anämie, Polyneuropathie, Encephalopathie und Nephropathie führen.“

DGUV-Empfehlung „Blei und anorganische Bleiverbindungen“

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Fristen der Vorsorge
Erste Vorsorge
innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Zweite Vorsorge
spätestens zwölf Monate nach Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 2 Buchst. c)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)
Die Fristen sind Höchstfristen. Der Arzt oder die Ärztin kann kürzere Fristen festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht notwendig ist (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 4).

1. Was ist die Blei-Vorsorge anorganisch?

Die Vorsorge nach der DGUV-Empfehlung gilt für Beschäftigte mit Exposition gegenüber metallischem Blei und seinen anorganischen Verbindungen — z.B. Bleioxid, Bleisulfat, Bleichromat, Bleicarbonat. Bei Bleichromat und Bleiarsenat sind aufgrund der krebserzeugenden Wirkung der Chrom(VI)- bzw. Arsenkomponente zusätzlich die jeweiligen DGUV-Empfehlungen heranzuziehen.
Schutzziel ist die Früherkennung der chronischen Bleivergiftung mit ihren Leitsymptomen Anämie, Polyneuropathie, Nephropathie und Encephalopathie. Blei ist reproduktionstoxisch — Für Frauen im gebärfähigen Alter gilt der BGW von 150 µg/l ohne separate Absenkung, da für die fruchtschädigende Wirkung kein sicherer Schwellenwert ableitbar ist. Für Schwangere und Stillende gelten die strikten Beschäftigungsbeschränkungen des MuSchG (§§ 11 und 12). Für Frauen im gebärfähigen Alter übernimmt die TRGS 505 den biologischen Leitwert von 45 µg/l aus der Richtlinie (EU) 2024/869 als Referenz.

Aufnahme primär inhalativ und oral (Hand-zu-Mund-Kontamination). Perkutane Resorption findet praktisch nicht statt. Halbwertszeit im Blut wenige Wochen, im Knochen viele Jahre.

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

  • ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV
  • TRGS 505 — Blei (umfassend)
  • Biologischer Grenzwert (BGW) Pb im Vollblut: 150 µg/l — auch für Frauen im gebärfähigen Alter, da für die fruchtschädigende Wirkung kein sicherer Schwellenwert ableitbar ist. Für diese Personengruppe übernimmt die TRGS 505 den biologischen Leitwert von 45 µg/l aus der Richtlinie (EU) 2024/869 als Referenz. Der BGW von 150 µg/l steht seit 2017 in der TRGS 903; die MAK-Kommission der DFG hat 2021 einen BAT-Wert in gleicher Höhe abgeleitet. Referenzwerte der Allgemeinbevölkerung (95. Perzentil, Kommission Human-Biomonitoring des Umweltbundesamts): 30 µg/l Frauen, 40 µg/l Männer. Quellen: TRGS 903, DGUV-Empfehlung.
  • AMR 6.2, 6.3, 2.1
  • BKV BK 1101 — Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen
  • MuSchG, JArbSchG — strikte Beschränkungen für Schwangere, Stillende und Jugendliche

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Blei oder anorganischen Bleiverbindungen bei Überschreitung einer Bleikonzentration in der Luft von 15 µg/m³. Angebotsvorsorgebei Einhaltung dieser Auslöseschwelle sowie als nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden über DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de). Die Auslöseschwelle wurde in der ArbMedVV auf 15 µg/m³ abgesenkt. Nachgehende Vorsorge(besondere Form der Angebotsvorsorge): Nach dem Ausscheiden aus der Tätigkeit ist eine nachgehende Vorsorge anzubieten. Anmeldung über das Meldeportal DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) — die IAAI übernimmt diesen Schritt für Kunden.  Wunschvorsorge auf Verlangen.

Fristen: Erste Vorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; zweite Vorsorge spätestens nach 12 Monaten, jede weitere spätestens nach 36 Monaten (AMR 2.1), bei erhöhten Blutbleiwerten kürzere Fristen nach ärztlicher Festlegung;

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

4.1 Höhere Exposition

  • Akkuhersteller / Akku-Recycling (Blei-Säure-Batterien)
  • Buntmetallhütten / Sekundärblei-Produktion
  • Bleirohrsanierung, alte Anstriche (Bleirot, Bleiweiß)
  • Strahlenschutz-Bauten und -Sanierung (Bleiabschirmung)
  • Glasur- und Keramikproduktion (historisch)
  • Munitions- und Sportwaffenindustrie

4.2 Top-3-Branchen IAAI

Akku-Recycling. Bleischmelzen, Plattenwiederaufbereitung, Granulierung. Pb-Werte oft deutlich über dem BAR; der Arzt legt dann kürzere Vorsorgeabstände fest.

Buntmetall-Hütten. Begleitelement in Kupfer- und Zinkverhüttung. Inhalative Belastung durch Hochtemperatur-Verfahren.

Strahlenschutz-Bauten. Röntgenraum-Sanierung, Klinik-Umbauten. Eher punktuelle Exposition mit guter Schutzmaßnahmen-Disziplin.

5. Untersuchungsumfang

5.1 Beratung & Anamnese

Beratung zu Hand-zu-Mund-Hygiene (größter Aufnahmeweg!), Straßen-/Pausenkleidungs-Trennung, Tabakkonsum (Bleizigarette — historisch). Anamnese: Müdigkeit, abdominelle Krampf-Schmerzen („Blei-Kolik“), Polyneuropathie-Symptome, Konzentrationsstörungen, ggf. Schwangerschaftsanamnese.

5.2 Körperliche Untersuchung

Inspektion (Blässe, Bleisaum am Zahnfleisch — historisch sehr selten), neurologischer Status, Bauch (Bauchwand-Hyperperistaltik), Muskelkraft Hand- und Fußhebung (peroneal/radial bei Polyneuropathie).
Bleisaum: schwärzliche Verfärbung des Zahnfleischrands durch Bleisulfid-Ablagerung — heute selten und primär bei schlechter Mundhygiene beobachtbar.

5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring

  • Pb-Vollblut — einziger Standard-Biomonitoring-Parameter nach der DGUV-Empfehlung (BGW 150 µg/l). Ergänzend nach ärztlichem Ermessen: ALA-D-Aktivität im Erythrozyten und Erythrozyten-Protoporphyrin (EP) als klinische Zusatzparameter der Bleitoxizität — nicht Bestandteil des DGUV-Standard-Biomonitoring
  • Kleines Blutbild (hypochrome, normo- bis mikrozytäre Anämie mit basophiler Tüpfelung der Erythrozyten als charakteristischer Bleibefund — verursacht durch bleibedingten Pyrimidin-5'-Nukleotidase-Mangel).
  • Kreatinin, GFR (Nephropathie)

5.4 Bei Auffälligkeiten

Neurophysiologische Diagnostik (NLG/EMG bei Verdacht auf Polyneuropathie); Nieren-Sonographie; bei Pb-Vollblut über dem BGW ist eine Tätigkeitsbegrenzung zu prüfen.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Vier-Stufen-Schema. Bei Pb-Vollblut > BAR oder neurologischen Auffälligkeiten: verkürzte Frist, Tätigkeitswechsel prüfen. Bei begründetem Verdacht: BK-Anzeige BK 1101 nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Hand-zu-Mund-Hygiene als Hauptaufnahmeweg adressieren — Pausen- und Straßenkleidung strikt trennen, separate Pausenräume, Reinigung vor jedem Pausenbeginn. 2. Schwarz-Weiß-Trennung der Arbeitsbereiche. 3. Pb-Vollblut-Monitoring im Rahmen der Vorsorge, bei erhöhten Werten in vom Arzt verkürzten Abständen. 4. Vorsorgekartei lückenlos.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

  • ALA-D-Aktivität im Erythrozyt als sensibler Frühindikator
  • Reichen die Schutzmaßnahmen nicht aus (z. B. Pb-Vollblut über dem BGW), Mitteilung nach § 6 Abs. 4 ArbMedVV; Vorschlag eines Tätigkeitswechsels aus Gründen, die allein in der Person liegen, nur mit Einwilligung
  • Bei Frauen Schwangerschaftsanamnese / Familienplanung erfragen — reproduktionstoxische Wirkung
  • BK 1101 bei Verdacht zeitnah anzeigen

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber. Vorsorge findet während der Arbeitszeit statt.

Gilt für Frauen ein anderer Grenzwert?

Wegen reproduktionstoxischer Wirkung von Blei sind Schwangere und Stillende besonders gefährdet. Für Frauen gilt kein gesonderter Grenzwert: Der BGW gilt für alle Beschäftigten. Die unterschiedlichen Referenzwerte der Kommission Human-Biomonitoring (Frauen 30 µg/l, Männer 40 µg/l) beschreiben nur die Hintergrundbelastung der Allgemeinbevölkerung.

Welche BK?

BK 1101 „Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen“.

Ist Blei hautresorptiv?

Anorganisches Blei nicht. Bleialkyle (TEL/TML) hingegen sehr stark. Daher Hand-zu-Mund-Pfad bei anorganischem Blei zentral.

Heparin-Vollblut-Entnahme für Blei-Biomonitoring
Vollblut-Pb-Biomonitoring (Lithium-Heparin-Röhrchen) — Standard der Blei-Vorsorge.
Bleiplatten-Verlegung Linearbeschleuniger-Bunker
Bleiplatten-Verlegung im Linearbeschleuniger-Bunker — typischer Strahlenschutzbau.

10. Quellen

  • DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Blei und anorganische Bleiverbindungen, 2. Auflage September 2024.
  • ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
  • TRGS 505, 401, 903, AMR 6.2
  • BK 1101
  • MuSchG, JArbSchG

Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

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G2-Untersuchung auf einen Blick

Die G2-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Vorsorge nach ArbMedVV für Beschäftigte, die mit metallischem Blei oder anorganischen Bleiverbindungen arbeiten, etwa im Akku-Recycling, in Hütten oder beim Strahlenschutzbau. Seit 2022 ersetzt die DGUV-Empfehlung „Blei und anorganische Bleiverbindungen“ den früheren Grundsatz G 2. Kern ist die Bestimmung von Blei im Vollblut.

ArtPflichtvorsorge bei mehr als 15 µg/m³ Blei in der Luft, sonst Angebotsvorsorge; nach Tätigkeitsende nachgehende Vorsorge
RechtsgrundlageArbMedVV Anhang Teil 1 Abs. 1 Nr. 2 h (Pflicht), Abs. 2 Nr. 2 i (Angebot), Abs. 3 Nr. 2 (nachgehend); TRGS 505
Für wenAkku-Herstellung und -Recycling, Buntmetallhütten, Strahlenschutzbau, Sanierung alter Bleianstriche
Fristvor Aufnahme der Tätigkeit, spätestens nach 12 Monaten, dann spätestens alle 36 Monate (AMR 2.1)
Kostenträgt der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG)
Wer untersuchtFacharzt für Arbeitsmedizin oder Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV)

Muss ich bei der Blei-Vorsorge Blut abgeben?

Bei Pflichtvorsorge ist die Teilnahme am Termin Voraussetzung für die Tätigkeit (§ 4 Abs. 2 ArbMedVV). Pflicht ist aber nur das Beratungsgespräch. Die Blutentnahme für das Biomonitoring gehört zur Vorsorge, darf aber nicht gegen Ihren Willen erfolgen (§ 6 Abs. 2 ArbMedVV).

Ohne Blutbleiwert fehlt allerdings die wichtigste Information. Blei wird auch über Hand-zu-Mund-Kontakt aufgenommen, und diesen Weg erfasst eine Luftmessung nicht. Erst der Wert im Blut zeigt Ihnen und dem Arzt, ob Hygiene und Schutzmaßnahmen wirken.

Den Wert erfahren nur Sie. Der Arbeitgeber erhält eine Vorsorgebescheinigung ohne Befunde. Deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die Schutzmaßnahmen nicht reichen, teilt der Arzt das dem Arbeitgeber mit, ohne Ihre persönlichen Werte zu nennen.

Wer darf die Vorsorge nach G 2 durchführen?

Nur ein Facharzt für Arbeitsmedizin oder ein Arzt mit der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV). Der Hausarzt darf die Vorsorge nur übernehmen, wenn er eine dieser Qualifikationen hat. Ist ein Betriebsarzt bestellt, soll der Arbeitgeber vorrangig ihn beauftragen (§ 3 Abs. 2 ArbMedVV). Er kennt die Arbeitsplätze und kann Ihren Blutbleiwert deshalb mit den Bedingungen im Betrieb abgleichen.

Die IAAI führt die Blei-Vorsorge bundesweit durch, vor Ort im Betrieb oder in der Praxis, einschließlich Blutentnahme und Laboranalyse. Angebot anfordern

Wie oft wird die G2-Untersuchung wiederholt?

Die erste G2-Untersuchung findet vor Aufnahme der Tätigkeit statt, die zweite spätestens zwölf Monate danach und jede weitere spätestens nach 36 Monaten (AMR 2.1). Der Arzt kann kürzere Abstände festlegen, wenn es arbeitsmedizinisch nötig ist. Bei erhöhtem Blutbleiwert sind kürzere Abstände üblich. Nach dem Ende der Tätigkeit muss der Arbeitgeber nachgehende Vorsorge anbieten (ArbMedVV Anhang Teil 1 Abs. 3 Nr. 2). Am Ende des Beschäftigungsverhältnisses überträgt er diese Aufgabe nur mit Ihrer Einwilligung an den Unfallversicherungsträger (§ 5 Abs. 3 ArbMedVV).

Gilt der Grundsatz G 2 noch?

Nein, die DGUV hat den Grundsatz G 2 2022 durch die DGUV-Empfehlung „Blei und anorganische Bleiverbindungen“ ersetzt. Die Nummer G 2 ist im Betriebsalltag weiter üblich. Die Pflicht zur Vorsorge ergibt sich nicht aus der DGUV-Empfehlung, sondern aus der ArbMedVV.

Gilt die Blei-Vorsorge auch für Bleitetraethyl?

Nein, für Bleitetraethyl und Bleitetramethyl gibt es eine eigene Vorsorge, früher der Grundsatz G 3. Diese Bleialkyle werden anders als anorganisches Blei auch in erheblichem Umfang über die Haut aufgenommen. Dazu gibt es einen eigenen Beitrag in unserem Lexikon.

Wann liegt mein Blutbleiwert vor?

In der Regel einige Tage nach dem Termin, weil die Probe im Labor analysiert wird. Der Arzt teilt Ihnen das Ergebnis mit und bespricht auffällige Werte. Auf Wunsch erhalten Sie es schriftlich (§ 6 Abs. 3 ArbMedVV).