Gefahrstoffe · DGUV E APB · Fassung Januar 2022

Blei-Vorsorge anorganisch — DGUV E APB, Pflicht- und Angebotsvorsorge

Auf einen Blick: Anorganisches Blei (Bleioxid, -sulfat, -karbonat, -chromat) wird vor allem inhalativ und oral aufgenommen. Pflichtvorsorge bei Überschreitung einer Bleikonzentration in der Luft von 75 µg/m³ (DGUV E APB S. 158–159). Angebotsvorsorge bei Einhaltung dieser Auslöseschwelle. BGW 150 µg/l im Vollblut; Für Frauen im gebärfähigen Alter gilt der BGW von 150 µg/l ohne separate Absenkung, da für die fruchtschädigende Wirkung kein sicherer Schwellenwert ableitbar ist (DGUV E APB S. 169). Für Schwangere und Stillende gelten die strikten Beschäftigungsbeschränkungen des MuSchG (§ 11). Auf europäischer Ebene wird für Frauen im gebärfähigen Alter ein Grenzwert von 45 µg/l angestrebt."
Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO IAAI · 14 Min Lesezeit

„Blei und seine anorganischen Verbindungen werden überwiegend inhalativ und oral aufgenommen. Eine perkutane Resorption findet praktisch nicht statt. Eine chronische Bleibelastung kann zu Anämie, Polyneuropathie, Encephalopathie und Nephropathie führen.“

— DGUV Empfehlung „Blei und anorganische Bleiverbindungen“ (E BLA), Fassung Januar 2022, S. 157
Fristen der Vorsorgen
Erste Vorsorge
vor Aufnahme der Tätigkeit
Zweite Vorsorge
Keine gesetzlichen fixen Fristen; ergeben sich aus Rechtsgrundlage, Anforderungsprofil und Gefährdungsbeurteilung
Jede weitere Vorsorge
Bei Eignungszweifel, Tätigkeitsveränderung, geänderter Gefährdungssituation, Unfall oder Synkope
Maßgeblich ist die arbeitsmedizinische Festlegung des Betriebsarztes; Bei Auffälligkeiten verkürzte Fristen nach ärztlichem Ermessen.

1. Was ist die Blei-Vorsorge anorganisch?

Die Vorsorge nach DGUV E APB gilt für Beschäftigte mit Exposition gegenüber metallischem Blei und seinen anorganischen Verbindungen — z.B. Bleioxid, Bleisulfat, Bleichromat, Bleicarbonat. Bei Bleichromat und Bleiarsenat sind aufgrund der krebserzeugenden Wirkung der Chrom(VI)- bzw. Arsenkomponente zusätzlich die DGUV E CRV bzw. E ARS heranzuziehen (DGUV E APB Anwendungsbereich, S. 158).
Schutzziel ist die Früherkennung der chronischen Bleivergiftung mit ihren Leitsymptomen Anämie, Polyneuropathie, Nephropathie und Encephalopathie. Blei ist reproduktionstoxisch — Für Frauen im gebärfähigen Alter gilt der BGW von 150 µg/l ohne separate Absenkung, da für die fruchtschädigende Wirkung kein sicherer Schwellenwert ableitbar ist (DGUV E APB S. 169). Für Schwangere und Stillende gelten die strikten Beschäftigungsbeschränkungen des MuSchG (§ 11). Auf europäischer Ebene wird für Frauen im gebärfähigen Alter ein Grenzwert von 45 µg/l angestrebt."

Aufnahme primär inhalativ und oral (Hand-zu-Mund-Kontamination). Perkutane Resorption findet praktisch nicht statt. Halbwertszeit im Blut wenige Wochen, im Knochen viele Jahre.

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

  • ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV
  • TRGS 505 — Blei (umfassend)
  • Biologischer Grenzwert (BGW) Pb im Vollblut: 150 µg/l — auch für Frauen im gebärfähigen Alter, da für die fruchtschädigende Wirkung kein sicherer Schwellenwert ableitbar ist. Auf europäischer Ebene wird für diese Personengruppe ein biologischer Grenzwert von 45 µg/l angestrebt. Der BGW wurde 2021 herabgesetzt. Biologischer Arbeitsstoff-Referenzwert (BAR): 30 µg/l Frauen, 40 µg/l Männer (95. Perzentil der Allgemeinbevölkerung). Quelle: DGUV E APB Biomonitoring-Tabelle S. 168–169.
  • AMR 6.2, 6.3, 2.1
  • BKV BK 1101 — Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen
  • MuSchG, JArbSchG — strikte Beschränkungen für Schwangere, Stillende und Jugendliche

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Blei oder anorganischen Bleiverbindungen bei Überschreitung einer Bleikonzentration in der Luft von 75 µg/m³. Angebotsvorsorge bei Einhaltung dieser Auslöseschwelle sowie als nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden über DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de). Wunschvorsorge auf Verlangen. Eine Absenkung der Auslöseschwelle von 75 µg/m³ ist derzeit in Vorbereitung (DGUV E APB S. 159, Fußnote 4). Nachgehende Vorsorge (besondere Form der Angebotsvorsorge): Nach dem Ausscheiden aus der Tätigkeit ist eine nachgehende Vorsorge anzubieten. Anmeldung über das Meldeportal DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) — die IAAI übernimmt diesen Schritt für Kunden.  Wunschvorsorge auf Verlangen.

Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate (verkürzt bei Überschreitung BAR);

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

4.1 Höhere Exposition

  • Akkuhersteller / Akku-Recycling (Blei-Säure-Batterien)
  • Buntmetallhütten / Sekundärblei-Produktion
  • Bleirohrsanierung, alte Anstriche (Bleirot, Bleiweiß)
  • Strahlenschutz-Bauten und -Sanierung (Bleiabschirmung)
  • Glasur- und Keramikproduktion (historisch)
  • Munitions- und Sportwaffenindustrie

4.2 Top-3-Branchen IAAI

Akku-Recycling. Bleischmelzen, Plattenwiederaufbereitung, Granulierung. Pb-Werte regelmäßig nahe BAR — Pflichtvorsorge alle 12 Monate, bei Überschreitung kürzer.

Buntmetall-Hütten. Begleitelement in Kupfer- und Zinkverhüttung. Inhalative Belastung durch Hochtemperatur-Verfahren.

Strahlenschutz-Bauten. Röntgenraum-Sanierung, Klinik-Umbauten. Eher punktuelle Exposition mit guter Schutzmaßnahmen-Disziplin.

5. Untersuchungsumfang

5.1 Beratung & Anamnese

Beratung zu Hand-zu-Mund-Hygiene (größter Aufnahmeweg!), Straßen-/Pausenkleidungs-Trennung, Tabakkonsum (Bleizigarette — historisch). Anamnese: Müdigkeit, abdominelle Krampf-Schmerzen („Blei-Kolik“), Polyneuropathie-Symptome, Konzentrationsstörungen, ggf. Schwangerschaftsanamnese.

5.2 Körperliche Untersuchung

Inspektion (Blasse, Bleisaum am Zahnfleisch — historisch sehr selten), neurologischer Status, Bauch (Bauchwand-Hyperperistaltik), Muskelkraft Hand- und Fußhebung (peroneal/radial bei Polyneuropathie).
Bleisaum: schwärzliche Verfärbung von Zahnfleisch und Zunge durch Bleisulfid-Ablagerung — heute selten und primär bei schlechter Mundhygiene beobachtbar (DGUV E APB Abschn. 6.3.3).

5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring

  • ALA-D im Erythrozyt — Aktivitätsbestimmung als sensibler Indikator der Bleibelastung
  • Pb-Vollblut — einziger Standard-Biomonitoring-Parameter nach DGUV E APB (BGW 150 µg/l). Ergänzend nach ärztlichem Ermessen: ALA-D-Aktivität im Erythrozyten und Erythrozyten-Protoporphyrin (EP) als klinische Zusatzparameter der Bleitoxizität — nicht Bestandteil des DGUV-Standard-Biomonitoring
  • Kleines Blutbild (normozytäre bis leicht makrozytäre Anämie mit basophiler Tüpfelung der Erythrozyten als charakteristischer Bleibefund — verursacht durch bleibedingten Pyrimidin-5'-Nukleotidase-Mangel; DGUV E APB Abschn. 6.3.3, S. 167).
  • Kreatinin, GFR (Nephropathie)

5.4 Bei Auffälligkeiten

Neurophysiologische Diagnostik (NLG/EMG bei Verdacht auf Polyneuropathie); Nieren-Sonographie; bei Pb-Vollblut > BAR ist Tatigkeitsbegrenzung dringend zu prüfen.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Vier-Stufen-Schema. Bei Pb-Vollblut > BAR oder neurologischen Auffälligkeiten: verkürzte Frist, Tätigkeitswechsel prüfen. Bei begründetem Verdacht: BK-Anzeige BK 1101 nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Hand-zu-Mund-Hygiene als Hauptaufnahmeweg adressieren — Pausen- und Straßenkleidung strikt trennen, separate Pausenräume, Reinigung vor jedem Pausenbeginn. 2. Schwarz-Weiß-Trennung der Arbeitsbereiche. 3. Pb-Vollblut-Monitoring alle 6–12 Monate. 4. Vorsorgekartei lückenlos.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

  • ALA-D-Aktivität im Erythrozyt als sensibler Frühindikator
  • Bei Pb-Vollblut > BAR Mitteilung nach § 6 Abs. 4 ArbMedVV mit Vorschlag einer Tatigkeitsbegrenzung
  • Bei Frauen Schwangerschaftsanamnese / Familienplanung erfragen — reproduktionstoxische Wirkung
  • BK 1101 bei Verdacht zeitnah anzeigen

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber. Vorsorge findet während der Arbeitszeit statt.

Warum gilt für Frauen ein anderer Grenzwert?

Wegen reproduktionstoxischer Wirkung von Blei — Schwangere und Stillende sind besonders gefährdet. Frauen unter 45 J. haben deshalb BAR 70 µg/l (statt 150).

Welche BK?

BK 1101 „Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen“.

Ist Blei hautresorptiv?

Anorganisches Blei nicht. Bleialkyle (TEL/TML) hingegen sehr stark. Daher Hand-zu-Mund-Pfad bei anorganischem Blei zentral.

Heparin-Vollblut-Entnahme für Blei-Biomonitoring
Vollblut-Pb-Biomonitoring (Lithium-Heparin-Röhrchen) — Standard der Blei-Vorsorge.
Bleiplatten-Verlegung Linearbeschleuniger-Bunker
Bleiplatten-Verlegung im Linearbeschleuniger-Bunker — typischer Strahlenschutzbau.

10. Quellen

  • DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Blei und anorganische Bleiverbindungen (E APB), 2. Auflage September 2024, S. 157–180.
  • ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
  • TRGS 505, 401, 903, AMR 6.2
  • BK 1101
  • MuSchG, JArbSchG

Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

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