G2-Untersuchung: Blei-Vorsorge
„Blei und seine anorganischen Verbindungen werden überwiegend inhalativ und oral aufgenommen. Eine perkutane Resorption findet praktisch nicht statt. Eine chronische Bleibelastung kann zu Anämie, Polyneuropathie, Encephalopathie und Nephropathie führen.“
DGUV-Empfehlung „Blei und anorganische Bleiverbindungen“
Kostenloses Werkzeug
Welche Vorsorge braucht Ihr Betrieb?
Tätigkeiten anklicken und sofort sehen, welche Pflicht-, Angebots- und Wunschvorsorge nach ArbMedVV gilt, mit Fristen nach AMR 2.1 und PDF zum Ausdrucken.
1. Was ist die Blei-Vorsorge anorganisch?
Die Vorsorge nach der DGUV-Empfehlung gilt für Beschäftigte mit Exposition gegenüber metallischem Blei und seinen anorganischen Verbindungen — z.B. Bleioxid, Bleisulfat, Bleichromat, Bleicarbonat. Bei Bleichromat und Bleiarsenat sind aufgrund der krebserzeugenden Wirkung der Chrom(VI)- bzw. Arsenkomponente zusätzlich die jeweiligen DGUV-Empfehlungen heranzuziehen.
Schutzziel ist die Früherkennung der chronischen Bleivergiftung mit ihren Leitsymptomen Anämie, Polyneuropathie, Nephropathie und Encephalopathie. Blei ist reproduktionstoxisch — Für Frauen im gebärfähigen Alter gilt der BGW von 150 µg/l ohne separate Absenkung, da für die fruchtschädigende Wirkung kein sicherer Schwellenwert ableitbar ist. Für Schwangere und Stillende gelten die strikten Beschäftigungsbeschränkungen des MuSchG (§§ 11 und 12). Für Frauen im gebärfähigen Alter übernimmt die TRGS 505 den biologischen Leitwert von 45 µg/l aus der Richtlinie (EU) 2024/869 als Referenz.
Aufnahme primär inhalativ und oral (Hand-zu-Mund-Kontamination). Perkutane Resorption findet praktisch nicht statt. Halbwertszeit im Blut wenige Wochen, im Knochen viele Jahre.
2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026
- ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV
- TRGS 505 — Blei (umfassend)
- Biologischer Grenzwert (BGW) Pb im Vollblut: 150 µg/l — auch für Frauen im gebärfähigen Alter, da für die fruchtschädigende Wirkung kein sicherer Schwellenwert ableitbar ist. Für diese Personengruppe übernimmt die TRGS 505 den biologischen Leitwert von 45 µg/l aus der Richtlinie (EU) 2024/869 als Referenz. Der BGW von 150 µg/l steht seit 2017 in der TRGS 903; die MAK-Kommission der DFG hat 2021 einen BAT-Wert in gleicher Höhe abgeleitet. Referenzwerte der Allgemeinbevölkerung (95. Perzentil, Kommission Human-Biomonitoring des Umweltbundesamts): 30 µg/l Frauen, 40 µg/l Männer. Quellen: TRGS 903, DGUV-Empfehlung.
- AMR 6.2, 6.3, 2.1
- BKV BK 1101 — Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen
- MuSchG, JArbSchG — strikte Beschränkungen für Schwangere, Stillende und Jugendliche
3. Vorsorgeanlässe
Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Blei oder anorganischen Bleiverbindungen bei Überschreitung einer Bleikonzentration in der Luft von 15 µg/m³. Angebotsvorsorgebei Einhaltung dieser Auslöseschwelle sowie als nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden über DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de). Die Auslöseschwelle wurde in der ArbMedVV auf 15 µg/m³ abgesenkt. Nachgehende Vorsorge(besondere Form der Angebotsvorsorge): Nach dem Ausscheiden aus der Tätigkeit ist eine nachgehende Vorsorge anzubieten. Anmeldung über das Meldeportal DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) — die IAAI übernimmt diesen Schritt für Kunden. Wunschvorsorge auf Verlangen.
Fristen: Erste Vorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; zweite Vorsorge spätestens nach 12 Monaten, jede weitere spätestens nach 36 Monaten (AMR 2.1), bei erhöhten Blutbleiwerten kürzere Fristen nach ärztlicher Festlegung;
4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten
4.1 Höhere Exposition
- Akkuhersteller / Akku-Recycling (Blei-Säure-Batterien)
- Buntmetallhütten / Sekundärblei-Produktion
- Bleirohrsanierung, alte Anstriche (Bleirot, Bleiweiß)
- Strahlenschutz-Bauten und -Sanierung (Bleiabschirmung)
- Glasur- und Keramikproduktion (historisch)
- Munitions- und Sportwaffenindustrie
4.2 Top-3-Branchen IAAI
Akku-Recycling. Bleischmelzen, Plattenwiederaufbereitung, Granulierung. Pb-Werte oft deutlich über dem BAR; der Arzt legt dann kürzere Vorsorgeabstände fest.
Buntmetall-Hütten. Begleitelement in Kupfer- und Zinkverhüttung. Inhalative Belastung durch Hochtemperatur-Verfahren.
Strahlenschutz-Bauten. Röntgenraum-Sanierung, Klinik-Umbauten. Eher punktuelle Exposition mit guter Schutzmaßnahmen-Disziplin.
5. Untersuchungsumfang
5.1 Beratung & Anamnese
Beratung zu Hand-zu-Mund-Hygiene (größter Aufnahmeweg!), Straßen-/Pausenkleidungs-Trennung, Tabakkonsum (Bleizigarette — historisch). Anamnese: Müdigkeit, abdominelle Krampf-Schmerzen („Blei-Kolik“), Polyneuropathie-Symptome, Konzentrationsstörungen, ggf. Schwangerschaftsanamnese.
5.2 Körperliche Untersuchung
Inspektion (Blässe, Bleisaum am Zahnfleisch — historisch sehr selten), neurologischer Status, Bauch (Bauchwand-Hyperperistaltik), Muskelkraft Hand- und Fußhebung (peroneal/radial bei Polyneuropathie).
Bleisaum: schwärzliche Verfärbung des Zahnfleischrands durch Bleisulfid-Ablagerung — heute selten und primär bei schlechter Mundhygiene beobachtbar.
5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring
- Pb-Vollblut — einziger Standard-Biomonitoring-Parameter nach der DGUV-Empfehlung (BGW 150 µg/l). Ergänzend nach ärztlichem Ermessen: ALA-D-Aktivität im Erythrozyten und Erythrozyten-Protoporphyrin (EP) als klinische Zusatzparameter der Bleitoxizität — nicht Bestandteil des DGUV-Standard-Biomonitoring
- Kleines Blutbild (hypochrome, normo- bis mikrozytäre Anämie mit basophiler Tüpfelung der Erythrozyten als charakteristischer Bleibefund — verursacht durch bleibedingten Pyrimidin-5'-Nukleotidase-Mangel).
- Kreatinin, GFR (Nephropathie)
5.4 Bei Auffälligkeiten
Neurophysiologische Diagnostik (NLG/EMG bei Verdacht auf Polyneuropathie); Nieren-Sonographie; bei Pb-Vollblut über dem BGW ist eine Tätigkeitsbegrenzung zu prüfen.
6. Beurteilung und Bescheinigung
Vier-Stufen-Schema. Bei Pb-Vollblut > BAR oder neurologischen Auffälligkeiten: verkürzte Frist, Tätigkeitswechsel prüfen. Bei begründetem Verdacht: BK-Anzeige BK 1101 nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.
7. Praxistipps für Unternehmen
1. Hand-zu-Mund-Hygiene als Hauptaufnahmeweg adressieren — Pausen- und Straßenkleidung strikt trennen, separate Pausenräume, Reinigung vor jedem Pausenbeginn. 2. Schwarz-Weiß-Trennung der Arbeitsbereiche. 3. Pb-Vollblut-Monitoring im Rahmen der Vorsorge, bei erhöhten Werten in vom Arzt verkürzten Abständen. 4. Vorsorgekartei lückenlos.
8. Praxistipps für Betriebsärzte
- ALA-D-Aktivität im Erythrozyt als sensibler Frühindikator
- Reichen die Schutzmaßnahmen nicht aus (z. B. Pb-Vollblut über dem BGW), Mitteilung nach § 6 Abs. 4 ArbMedVV; Vorschlag eines Tätigkeitswechsels aus Gründen, die allein in der Person liegen, nur mit Einwilligung
- Bei Frauen Schwangerschaftsanamnese / Familienplanung erfragen — reproduktionstoxische Wirkung
- BK 1101 bei Verdacht zeitnah anzeigen
9. Häufige Fragen (FAQ)
Wer trägt die Kosten?
Der Arbeitgeber. Vorsorge findet während der Arbeitszeit statt.
Gilt für Frauen ein anderer Grenzwert?
Wegen reproduktionstoxischer Wirkung von Blei sind Schwangere und Stillende besonders gefährdet. Für Frauen gilt kein gesonderter Grenzwert: Der BGW gilt für alle Beschäftigten. Die unterschiedlichen Referenzwerte der Kommission Human-Biomonitoring (Frauen 30 µg/l, Männer 40 µg/l) beschreiben nur die Hintergrundbelastung der Allgemeinbevölkerung.
Welche BK?
BK 1101 „Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen“.
Ist Blei hautresorptiv?
Anorganisches Blei nicht. Bleialkyle (TEL/TML) hingegen sehr stark. Daher Hand-zu-Mund-Pfad bei anorganischem Blei zentral.


10. Quellen
- DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Blei und anorganische Bleiverbindungen, 2. Auflage September 2024.
- ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
- TRGS 505, 401, 903, AMR 6.2
- BK 1101
- MuSchG, JArbSchG
Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.