Bleitetraethyl- und Bleitetramethyl-Vorsorge — DGUV E OBP
„Bleitetraethyl und Bleitetramethyl werden über die Haut, Schleimhäute und die Atemwege rasch aufgenommen. Sie wirken stark neurotoxisch mit Vorrang vor anderen Bleiverbindungen. Bei akuter Exposition kann eine Encephalopathie auftreten.“
— DGUV Empfehlung „Bleitetraethyl und Bleitetramethyl“ (E BLO), Fassung Januar 2022, S. 139
1. Was ist die Bleialkyl-Vorsorge?
Die Vorsorge nach DGUV E OBP gilt für Beschäftigte mit Tetraethylblei (TEL) oder Tetramethylblei (TML) und ihren Spaltprodukten. Schutzziel ist die Früherkennung neurotoxischer Bleischädigungen — vor allem zentralnervöser Effekte (Encephalopathie, Tremor, Ataxie, Verhaltensänderungen).
Aufnahme primär perkutan und inhalativ. Bleialkyle sind chemisch instabil — zerfallen langsam zu Triethyl-/Trimethyl-Blei und schließlich zu anorganischem Blei. Klinisch dominieren ZNS-Effekte vor hämatologischen.
2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026
- ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV
- TRGS 505 — Blei (allgemein, mit Bleialkyl-Bezug)
- TRGS 401 — Hautkontakt; TRGS 903 — BGW Pb-Vollblut
- AMR 6.3, 2.1
- BKV BK 1101 Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen
In Deutschland gelten Bleialkyle als historisches Antiklopfmittel — ihr Einsatz im Otto-Kraftstoff ist seit 1996 EU-weit verboten. Aktuelle Exposition vor allem bei Sanierung von Tanks, Tankzug-Reinigung und Sondermüll-Aufbereitung.
3. Vorsorgeanlässe
Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Bleitetraethyl und Bleitetramethyl, wenn: der AGW nach GefStoffV/TRGS 900 nicht eingehalten wird, oder eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann (DGUV E OBP S. 140). Angebotsvorsorge bei nicht ausschließbarer Restexposition. Wunschvorsorge auf Verlangen.
Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate, bei Überschreitung BGW verkürzt.
4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten
4.1 Höhere Exposition
- Tank-Sanierung historischer Mineralölanlagen
- Tankzug-Reinigung und Reparatur
- Sondermüll-Aufbereitung TEL/TML-belasteter Bestände
- Forschung an organischen Bleiverbindungen (sehr selten)
4.2 Top-3-Branchen IAAI
Mineralöl-Industrie. Wartung und Reinigung historischer Tanks und Pipelines. Pflichtvorsorge mit Pb-Vollblut und neurologischer Untersuchung.
Tank-Sanierung. Spezialisierte Sanierungsfirmen mit Vollschutz Typ 3 und Vollvisier-Atemschutz. Pflichtvorsorge flächendeckend.
Sondermüll-Entsorgung. Aufbereitung kontaminierter Erden und Abfälle aus historischen Tankanlagen.
5. Untersuchungsumfang
5.1 Beratung & Anamnese
Anamnese (nach DGUV E OBP Abschn. 7.1): ausgeprägte Angstträume, Schlafstörungen, Verstimmungszustände, Gewichtsabnahme, Händezittern, Übelkeit, Entwicklung von Persönlichkeits- oder Verhaltensstörungen — als charakteristische Frühsymptome der Bleialkyl-Neurotoxizität. Ergänzend: Kopfschmerz, Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen.
5.2 Körperliche Untersuchung
Schwerpunkt neurologisch: Tremor (Halt- und Aktionstremor), Reflexe, Feinmotorik (Schriftprobe, Spirale), Gleichgewichts- und Gangprüfung. Allgemeine Inspektion Haut und Schleimhäute.
5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring
- BLW (Biologischer Leitwert) 150 µg/l nach DGUV E OBP Biomonitoring-Tabelle (S. 146–147). Hinweis: Ein BGW nach TRGS 903 existiert für Bleitetraethyl/Bleitetramethyl aktuell nicht — der BLW dient als Orientierungswert für Schutzmaßnahmen."
- Biomonitoring: ausschließlich Blei im Vollblut (Pb-B) — BLW 150 µg/l (DGUV E OBP Biomonitoring-Tabelle, S. 146–147). Urin-Blei ist für Bleialkyle nicht Bestandteil des DGUV-Standards."
- Blutbild, Retikulozyten, ALA-D-Aktivität (δ-Aminolävulinsäure-Dehydratase in Erythrozyten — Enzym der Hämsynthese, das durch Blei gehemmt wird; klassischer Frühindikator anorganischer Bleivergiftung
- Klinische Untersuchungen Erstvorsorge (DGUV E OBP Abschn. 7.2.2, S. 150): Urinstatus (Mehrfachstreifen, Sediment), großes Blutbild, Kreatinin im Serum, Leberenzyme (SGOT, SGPT, γ-GT), Biomonitoring (Pb-Vollblut). Retikulozyten und ALA-D-Aktivität sind spezifische Parameter der anorganischen Bleivergiftungsdiagnostik und in der DGUV E OBP nicht als Standard vorgesehen — sie können bei klinischem Verdacht auf Bleialkyl-Zerfallsprodukte ergänzend erwogen werden.
5.4 Bei Auffälligkeiten
Neurophysiologische Diagnostik (NLG, EEG), psychometrische Tests; bei begründetem Verdacht stationsäre neurologische Abklärung.
6. Beurteilung und Bescheinigung
Vier-Stufen-Schema nach DGUV E OBP Abschn. 7.4.1–7.4.4: (1) Keine relevanten Erkenntnisse; (2) Erkenntnisse mit empfohlenen Maßnahmen; (3) verkürzte Fristen; (4) Tätigkeitswechsel zu erwägen. Beurteilungsrelevante Vorerkrankungen (Auswahl): Erkrankungen von Blut, Herz-Kreislauf, Leber, Nieren, Nervensystem (peripher und zentral), Haut (allergische/degenerative Ekzeme), Stoffwechsel (Diabetes, Gicht), psychische Erkrankungen sowie Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen (DGUV E OBP S. 150–151)."
7. Praxistipps für Unternehmen
1. Vollschutz — Typ-3-Anzug, Vollvisier-Atemschutz, doppelte Nitrilhandschuhe. 2. Geschlossene Verfahren — Probenahme im geschlossenen System. 3. PSA-Wechsel nach jedem Einsatz, kontaminierte Kleidung als Sondermüll. 4. Notfallprotokoll — bei Hautkontakt sofortige Spülung mit Wasser und Seife, danach Polyethylenglycol. 5. Vorsorgekartei lückenlos.
8. Praxistipps für Betriebsärzte
- Aktuelle Gefährdungsbeurteilung anfordern, Probenahme- und Sanierungsprotokolle einsehen
- Neurologischer Status mit Tremor, Reflexen, Feinmotorik, Spirale
- Pb-Vollblut bei jeder Vorsorge — BGW 150 µg/l ist Schwelle
- Bei BLW-Überschreitung: Tätigkeitsbegrenzung, Mitteilung nach § 6 Abs. 4 ArbMedVV
- BK 1101 bei Verdacht zeitnah anzeigen
9. Häufige Fragen (FAQ)
Sind Bleialkyle heute noch verbreitet?
Im Otto-Kraftstoff seit 1996 verboten. Heute nur noch als historische Belastung in Tanks, Sanierungsobjekten und einigen Spezialanwendungen.
Was unterscheidet Bleialkyle von anorganischem Blei?
Bleialkyle sind hautresorptiv, lipophil und primär ZNS-toxisch. Anorganisches Blei ist nicht hautresorptiv und primär hämatotoxisch und nephrotoxisch.
Welche BK?
BK 1101 „Erkrankungen durch Blei oder seine Verbindungen“.
Wer trägt die Kosten?
Der Arbeitgeber. Vorsorge findet während der Arbeitszeit statt.


10. Quellen
- DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Bleitetraethyl und Bleitetramethyl (E OBP), 2. Auflage September 2024, S. 139–156.
- ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
- TRGS 505, 401, 903, AMR 6.2
- BK 1101
Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.