Gefahrstoffe · DGUV E CAD · Fassung Januar 2022

Cadmium-Vorsorge — DGUV E CAD, Pflicht- und nachgehende Vorsorge

Auf einen Blick: Cadmium und seine Verbindungen sind krebserzeugend Kategorie 1B. Pflichtvorsorge bei Inhalations- oder oraler Exposition; nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang. Berufskrankheit BK 1104 (Erkrankungen durch Cadmium). Leitorgane: Niere (β₂-Mikroglobulinurie), Knochen (Itai-Itai-ähnlich), Lunge (Bronchialkarzinom). Biomonitoring-Beurteilungswerte nach DGUV E CAD (S. 196): Cd-Urin BLW 2 µg/g Kreatinin, BAR 0,8 µg/l (Nichtraucher), HBM-II 4 µg/l; Cd-Vollblut BAR 1 µg/l (Nichtraucher). Ein BGW ist für Cadmium nicht abgeleitet."
Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO IAAI · 14 Min Lesezeit

Für Cadmium konnte aufgrund der Datenlage kein BGW abgeleitet werden (DGUV E CAD Fußnote 10, S. 196). Der BLW (2 µg/g Kreatinin im Urin) dient als Orientierungswert für Schutzmaßnahmen. Zusätzlich HBM-I- und HBM-II-Werte des UBA (1 bzw. 4 µg/l Urin). Der BAR (0,8 µg/l Urin für Nichtraucher) ist der Referenzwert der Allgemeinbevölkerung

— DGUV Empfehlung „Cadmium und Cadmiumverbindungen“ (E CAD), Fassung Januar 2022, S. 181
Fristen der Vorsorgen
Erste Vorsorge
vor Aufnahme der Tätigkeit
Zweite Vorsorge
Keine gesetzlichen fixen Fristen; ergeben sich aus Rechtsgrundlage, Anforderungsprofil und Gefährdungsbeurteilung
Jede weitere Vorsorge
Bei Eignungszweifel, Tätigkeitsveränderung, geänderter Gefährdungssituation, Unfall oder Synkope
Maßgeblich ist die arbeitsmedizinische Festlegung des Betriebsarztes; Bei Auffälligkeiten verkürzte Fristen nach ärztlichem Ermessen.

1. Was ist die Cadmium-Vorsorge?

Die Vorsorge nach DGUV E CAD richtet sich an Beschäftigte, die mit Cadmium oder seinen Verbindungen — Cadmiumoxid, -sulfid, -sulfat, -karbonat — umgehen. Schutzziel ist die Früherkennung der typischen Cadmium-Schäden: tubuläre Nephropathie mit β₂-Mikroglobulinurie, Knochenschäden (Itai-Itai-ähnlich), Bronchialkarzinom. Chronische Schäden umfassen: chronisch obstruktive Atemwegserkrankungen und Lungenemphysem, toxische Tubulopathie mit Nierenfunktionsstörung, Osteomalazie (Mineralisationsstörung des Knochens durch cadmiuminduzierte Nierenschädigung mit Vitamin-D-Stoffwechselstörung — klassisches Bild der historischen „Itai-Itai-Krankheit"), Lungenkarzinom und Nierenzellkarzinom (DGUV E CAD Abschn. 6.3.3)."

Aufnahme inhalativ und oral; Halbwertszeit in der Niere extrem lang (10–30 Jahre). Latenzzeit bis Bronchialkarzinom 15–40 Jahre, daher nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang.

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

  • ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV mit § 11 (CMR-Stoffe)
  • TRGS 401 — Hautkontakt; TRGS 903 — BGW Cd-Vollblut + β₂-Mikroglobulin im Urin
  • AMR 11.1, 6.3, 2.1
  • BKV BK 1104 — Erkrankungen durch Cadmium oder seine Verbindungen

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Cadmium und Cadmiumverbindungen, wenn: der AGW nicht eingehalten wird (aktuell für Cadmium und anorganische Cadmiumverbindungen im E-Staub festgelegt), oder eine wiederholte Exposition gegenüber CMR-1A/1B-Cadmiumverbindungen nicht ausgeschlossen werden kann, oder die Cadmiumverbindung hautresorptiv ist und Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann. Die AMR 11.1 ist zu beachten (DGUV E CAD S. 182).Angebotsvorsorge bei nicht ausschließbarer Restexposition. Nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang. Wunschvorsorge auf Verlangen.

Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate, bei Auffälligkeit verkürzt; nachgehende Vorsorge alle 36 Monate.

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

4.1 Höhere Exposition

  • Akkuhersteller (NiCd-Akkus) und Akku-Recycling
  • Galvanik (Hartverchromung mit Cadmium-Begleitelementen)
  • Pigment- und Farbstoffproduktion (Cadmiumsulfid, -selenid)
  • Metallrecycling und Schrottverarbeitung
  • Hartlötung mit cadmiumhaltigen Lötlegierungen

4.2 Top-3-Branchen IAAI

NiCd-Akku-Hersteller / Recycling. Plattenfertigung, Zerlegung, Schmelze. Pflichtvorsorge mit Cd-Vollblut und β₂-Mikroglobulin alle 36 Monate.

Galvanik (Hartverchromung). Cadmium als Begleitelement, Pflichtvorsorge wegen Mischbelastung mit Chrom(VI).

Pigment-Produktion. Cadmiumsulfid- und -selenid-Pigmente in Kunststoff-, Glas- und Keramik-Färbung.

5. Untersuchungsumfang

5.1 Beratung & Anamnese

Anamnese: Rauchen als zentraler Confounder — die BAR-Werte gelten ausschließlich für Nichtraucher; bei Rauchern sind Cd-Werte im Urin/Blut altersabhängig deutlich erhöht (DGUV E CAD Abschn. 6.4.1). Ernährungsanamnese: Innereien (Niere, Leber), Wildpilze, Muscheln als relevante Cd-Quellen. Bei Verlaufskontrollen immer Erstvorsorge-Werte berücksichtigen.
Beratung zu Aufnahmewegen, Tabakkonsum (Tabakrauch ist eine wichtige nicht-berufliche Cd-Quelle, multiplikativ für Lungenkrebs), Hand-zu-Mund-Hygiene. Symptome wie Polyurie, Knochenschmerzen, Husten, Atemnot.

5.2 Körperliche Untersuchung

Allgemein-internistisch, Auskultation Lunge, Lymphknoten, Wirbelsäulen-Druckschmerz (Knochen), Inspektion Mundhöhle („gelber Zahnsaum“ historisch).

5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring

  • Cd-Vollblut (BAR 1 µg/l Nichtraucher) — Marker der aktuellen Exposition; Cd-Urin (BLW 2 µg/g Kreatinin) — Marker der kumulativen Langzeitbelastung.
  • β₂-Mikroglobulin im Urin als sensitiver Marker tubulärer Nierenschädigung
  • Retinol-binding Protein (RBP) ergänzend
  • Kreatinin, GFR, Albumin im Urin
  • Klinische Untersuchungen Erstvorsorge (DGUV E CAD Abschn. 7.2.2, S. 199): Urinstatus (Mehrfachteststreifen), orientierende Prüfung der Nasenatmung, Spirometrie (Leitfaden Lungenfunktionsprüfung), Kreatinin im Serum, β2-Mikroglobulin im Urin, BSG oder CRP, Leberenzyme (SGOT, SGPT, γ-GT), Biomonitoring Cd im Urin.Nachuntersuchung ergänzend: Biomonitoring Cd im Blut UND Cd im Urin (Cd im Blut entfällt bei nachgehender Untersuchung); Nierensonographie nach langjähriger Exposition. Bei hohen Cd-Expositionen zusätzlich Geruchssinnprüfung (Sniffin' Sticks) und Nasenspiegelung mit anteriorer Rhinomanometrie.

5.4 Bildgebung

Bei Hochrisiko-Gruppen: Spirometrie, ggf. Lungen-CT-Screening (analog Asbest EVA-Lunge bei Tabakrauch + Cd-Exposition).

6. Beurteilung und Bescheinigung

Vier-Stufen-Schema. Bei β₂-Mikroglobulinurie oder Cd-Überschreitung: verkürzte Frist, Tätigkeitswechsel prüfen. Bei begründetem Verdacht: BK-Anzeige BK 1104. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Substitution dokumentieren (CMR-Pflicht). 2. Inhalative und orale Aufnahme vermeiden — Atemschutz, getrennte Pausenräume. 3. Tabakprogramm wegen multiplikativem Lungenkrebsrisiko. 4.Meldung bei DGUV Vorsorge — Bei krebserzeugenden Cadmiumverbindungen der Kategorie 1A/1B (u. a. Cadmiumsulfid, Cadmiumoxid): Anmeldung im Meldeportal DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) für die nachgehende Vorsorge.. 5. Vorsorgekartei lückenlos.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

  • Cd-Vollblut (BAR 1 µg/l Nichtraucher) — Marker der aktuellen Exposition; Cd-Urin (BLW 2 µg/g Kreatinin) — Marker der kumulativen Langzeitbelastung.
  • Tabakanamnese in Packungsjahren — Tabakrauch ist relevante nicht-berufliche Cd-Quelle
  • Bei β₂-Mikroglobulinurie: Niere-Schaden ist meist irreversibel — sofortige Tatigkeitsbegrenzung erwägen
  • BK 1104 bei Verdacht zeitnah anzeigen
  • Anmeldung im Meldeportal DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de). Bei krebserzeugenden Cadmiumverbindungen CMR 1A/1B: Anmeldung bei DGUV Vorsorge beim Ausscheiden veranlassen

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber. Nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert die GVS.

Was ist β₂-Mikroglobulinurie?

Tubulärer Nieren-Marker — erhöhte Ausscheidung weist auf Cadmium-induzierte Tubulusschädigung hin und ist meist irreversibel.

Welche BK?

BK 1104 „Erkrankungen durch Cadmium oder seine Verbindungen“.

Verstärkt Tabak das Risiko?

Ja — Tabakrauch ist eine wichtige nicht-berufliche Cd-Quelle und wirkt multiplikativ auf das Bronchialkarzinom-Risiko.

Immunoassay-Analysator zur ß2-Mikroglobulin-Bestimmung
β2-Mikroglobulin im Urin — Frühindikator für cadmium-bedingten Tubulus-Schaden.
Galvaniseur in Säure-Schutzanzug an Hartverchromungs-Becken
Galvanik — Hartverchromung mit Frischluftvisier und Säure-Schutzanzug.

10. Quellen

  • DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Cadmium und Cadmiumverbindungen (E CAD), 2. Auflage September 2024, S. 181–206.
  • ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
  • TRGS 561, 905, 910, 401, 903
    AMR 11.1, 6.2
  • BK 1104

Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

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