Gefahrstoffe · DGUV E CR6 · Fassung Januar 2022

Chrom(VI)-Vorsorge — DGUV E CR6, Pflicht- und nachgehende Vorsorge

Auf einen Blick: Chrom(VI)-Verbindungen sind krebserzeugend Kategorie 1A oder 1B und keimzellmutagen 1B. Pflichtvorsorge bei wiederholter Exposition oder hautresorptiven Verbindungen mit nicht ausschließbarem Hautkontakt; nachgehende Vorsorge über GVS lebenslang. Berufskrankheit BK 1103. TRGS 910 risikobasiert (1 µg/m³ im einatembaren Staub). Biomonitoring nach DGUV E CR6 (S. 218): Chrom in der Erythrozytenfraktion des Vollbluts oder Chrom im Urin — EKA-Werte für Alkalichromate; BAR 0,6 µg/l für Gesamt-Chrom im Urin. Für Chrom(VI) existiert weder BGW noch BLW in TRGS 903.
Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO IAAI · 14 Min Lesezeit

„Alle Chrom(VI)-Verbindungen sind krebserzeugend (Kategorie 1A oder 1B), keimzellmutagen (Kategorie 1B), hautsensibilisierend und akut giftig. Die löslichen Chrom(VI)-Verbindungen sind zudem hautresorptiv. Für Chrom(VI)-Verbindungen existieren weder AGW noch BGW oder BLW. Biomonitoring-Beurteilung erfolgt über EKA (Expositionsäquivalente für krebserzeugende Arbeitsstoffe) und den BAR (Biologischer Arbeitsstoff-Referenzwert 0,6 µg/l Gesamt-Chrom im Urin). Die im Artikel oft genannten Werte „Cr-Urin ≤ 3 µg/g Kreatinin" sind HBM-I-Werte des UBA für die Allgemeinbevölkerung — nicht arbeitsmedizinische Grenzwerte."“

— DGUV Empfehlung „Chrom(VI)-Verbindungen“ (E CR6), Fassung Januar 2022, S. 207
Fristen der Vorsorgen
Erste Vorsorge
vor Aufnahme der Tätigkeit
Zweite Vorsorge
Keine gesetzlichen fixen Fristen; ergeben sich aus Rechtsgrundlage, Anforderungsprofil und Gefährdungsbeurteilung
Jede weitere Vorsorge
Bei Eignungszweifel, Tätigkeitsveränderung, geänderter Gefährdungssituation, Unfall oder Synkope
Maßgeblich ist die arbeitsmedizinische Festlegung des Betriebsarztes; Bei Auffälligkeiten verkürzte Fristen nach ärztlichem Ermessen.

1. Was ist die Chrom(VI)-Vorsorge?

Die Vorsorge nach DGUV E CR6 richtet sich an Beschäftigte mit Chromaten, Dichromaten, Chromsäure und Chromtrioxid — darunter wasserlösliche (z.B. Kalium- und Natriumchromat) und nicht-lösliche (Bariumchromat, Bleichromat). Schutzziel ist die Früherkennung Cr(VI)-typischer Schädigungen: Bronchialkarzinom, Nasen-Septum-Ulzeration und -Perforation, Kontaktekzem („Chromatekzem“), Chromatgeschwüre.

Aufnahme inhalativ und perkutan (lösliche Verbindungen). Latenzzeit bis Bronchialkarzinom 15–40 Jahre. Bronchialkarzinom (als Teil von BK 1103 anerkennungsfähig) und Nasennebenhöhlenkarzinome. TRGS 910: Risikobeurteilungsmaßstab 1 µg/m³ im einatembaren Staub.

2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026

  • ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1; GefStoffV mit § 11 (CMR-Stoffe)
  • TRGS 561, 905, 910 — krebserzeugende Metalle, CMR-Verzeichnis, Risikokonzept,
    - TRGS 910 (Anlage 1): Akzeptanzkonzentration 1 µg Cr/m³ (E-Staub), Toleranzkonzentration 5 µg Cr/m³ (E-Staub) — Überschreitungsfaktor 5. Für Chrom(VI)-Verbindungen existiert kein AGW."
    - REACH-Verordnung: Chrom(VI)-Verbindungen sind seit 2013 zulassungspflichtige Stoffe (Anhang XIV) — Verwendung nur mit erteilter Zulassung durch die EU-Kommission."
  • TRGS 401 — Hautkontakt; TRGS 528 — Schweißtechnische Arbeiten
  • AMR 11.1, 6.3, 2.1
  • BKV BK 1103 — Erkrankungen durch Chrom oder seine Verbindungen

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Chrom(VI)-Verbindungen, wenn: eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann, oder die Chrom(VI)-Verbindung hautresorptiv ist und Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann (nicht hautresorptiv: Bariumchromat, Bleichromat, Strontiumchromat, Zinkchromat). Ein AGW existiert für Chrom(VI) nicht. Die AMR 11.1 ist zu beachten (DGUV E CR6 S. 209). Angebotsvorsorge bei nicht ausschließbarer Restexposition. Nachgehende Vorsorge Anmeldung bei DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) für die nachgehende Vorsorge

Fristen: Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate; nachgehende Vorsorge alle 36 Monate.

4. Betroffene Branchen und Tätigkeiten

4.1 Höhere Exposition

  • Galvanik / Hartverchromung (offene luftbewegte Bäder!)
  • Edelstahl-Schweißen (Chrom-Nickel-Stähle, MAG/MIG/WIG)
  • Plasma-/Laser-Schneiden chromhaltiger Stähle
  • Lederbearbeitung (historisch Chromat-Gerbung)
  • Anstrich-Sanierung (chromathaltige Anstriche)
  • Imprägnierung von Hölzern (Cr-haltige Holzschutzmittel)

4.2 Top-3-Branchen IAAI

Galvanik / Hartverchromung. Pflichtvorsorge flächendeckend mit Cr-Urin-Biomonitoring und Nasenseptum-Inspektion. Vollvisier-Frischluft-Helm Standard.

Schweißbetriebe (Edelstahl). Schweißrauchexposition Cr(VI) bei Chrom-Nickel-Stahl. Pflichtvorsorge bei wiederholter Exposition. Auch DGUV E SCW (Schweißen) anwenden.

Lederbearbeitung. Cr(VI) heute meist abwesend, kann aber bei fehlerhafter Prozessführung als Spurenoxidation auftreten.

5. Untersuchungsumfang

5.1 Beratung & Anamnese

Beratung zu Hautresorption (lösliche Cr(VI)-Verbindungen!), Tabakkonsum (multiplikatives Lungenkrebsrisiko), PSA. Anamnese: Hautveränderungen, Nasenbluten, Atemwegsbeschwerden, Husten, Heiserkeit.

5.2 Körperliche Untersuchung

Otoskopie/Rhinoskopie: Inspektion des Nasenseptums (Ulzerationen, Perforation — typisches Cr(VI)-Zeichen). Hautstatus mit Fokus auf Kontaktstellen („Chromatgeschwüre“, Kontaktekzem). Auskultation Lunge.

5.3 Labordiagnostik / Biomonitoring

  • Biomonitoring nach DGUV E CR6 Abschn. 7.2.2: Chrom im Urin (EKA-Beurteilung; Gesamt-Chrom-BAR 0,6 µg/l für Nichtexponierte) — Marker der aktuellen Exposition; Chrom in der Erythrozytenfraktion des Vollbluts (EKA-Beurteilung) — bei Langzeitexposition am Schichtende nach mehreren vorangegangenen Schichten. Cr im Serum ist kein DGUV-Standardparameter und wird für Chrom(VI) nicht empfohlen
  • Klinische Untersuchungen Erstvorsorge (DGUV E CR6 Abschn. 7.2.2, S. 221): Urinstatus (Mehrfachteststreifen, Sediment), Spirometrie (Leitfaden Lungenfunktionsprüfung), großes Blutbild, Hautuntersuchung (Ekzeme, Rhagaden, allergische Manifestationen, schlecht heilende Wunden), Spekulumuntersuchung der Nase bei entsprechender Indikation (z. B. Aerosolbelastung); bei anamnestisch vorexponierten Personen zusätzlich Biomonitoring (Chrom in Urin und Erythrozytenfraktion als Basiswert).Nachuntersuchung ergänzt um routinemäßiges Chrom-Biomonitoring; in unklaren Fällen HNO-ärztliche und pulmologische Abklärung.Nachgehende Untersuchung: bildgebende Thoraxdiagnostik nur bei Auffälligkeiten in Anamnese oder Untersuchung (rechtfertigende Indikation). Nasenendoskopie mit Biopsie ist eine fachärztliche HNO-Leistung, nicht Bestandteil der betriebsärztlichen Vorsorge."

5.4 Bei Auffälligkeiten

HNO-Konsil bei Septum-Veränderungen, dermatologisches Konsil bei Kontaktekzem, Allergiediagnostik (Patch-Test mit Kaliumdichromat) bei Sensibilisierungsverdacht.

6. Beurteilung und Bescheinigung

Vier-Stufen-Schema. Bei Septum-Schädigung, manifesten Kontaktekzemen oder Tumorverdacht: BK-Anzeige BK 1103 nach § 202 SGB VII. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Diagnose.

7. Praxistipps für Unternehmen

1. Substitution dokumentieren (CMR-Pflicht). 2. Geschlossene/abgesaugte Anlagen bei Hartverchromung; offene Bäder vermeiden. 3. Hautkontakt aktiv ausschließen — Doppelhandschuhe, Vollvisier. 4. Nachgehende Vorsorge — Bei Tätigkeit mit Chrom(VI)-Verbindungen Anmeldung im Meldeportal DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de) für die lebenslange nachgehende Vorsorge — kritisch bei Rentenübergang. 5. Tabakprogramm (multiplikativer Lungenkrebs). 6. Vorsorgekartei lückenlos.

8. Praxistipps für Betriebsärzte

  • Aktuelle Gefährdungsbeurteilung anfordern, Cr(VI)-Spezies-Liste erfassen
  • Nasenseptum-Inspektion bei jeder Vorsorge — typischer Befund (Ulzeration/Perforation)
  • Hautstatus mit Fokus Hand-/Unterarm-Kontaktstellen (Chromatgeschwüre)
  • Cr-Urin post-shift + Cr-Erythrozyt (kumulativ)
  • Patch-Test bei Sensibilisierungsverdacht (Allergologe)
  • BK 1103 bei Verdacht zeitnah anzeigen

9. Häufige Fragen (FAQ)

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber. Nachgehende Vorsorge nach Ausscheiden organisiert die GVS.

Was sind Chromatgeschwüre?

Charakteristische, schlecht heilende Hautulzera an Kontaktstellen — vor allem an Rhagaden, Schürfstellen und kleinen Hautdefekten. Diagnostisches Leitsymptom.

Welche BK?

BK 1103 „Erkrankungen durch Chrom oder seine Verbindungen“.

Sind alle Chrom-Verbindungen gleich?

Nein. Chrom(III) ist deutlich weniger toxisch und nicht karzinogen. Chrom(VI) ist krebserzeugend und hautresorptiv.

Spekulumuntersuchung des Nasenseptums mit Stirnlampe
Spekulumuntersuchung des Nasenseptums — Erkennung Chrom-VI-bedingter Septumdefekte.
Edelstahlschweißer mit Frischluft-Atemschutzhelm beim MAG-Schweißen
MAG-Schweißen Chrom-Nickel-Stahl mit Absaugung und Frischluft-PAPR.

10. Quellen

  • DGUV (Hrsg.): DGUV Empfehlung Chrom(VI)-Verbindungen (E CR6), 2. Auflage September 2024, S. 207–227.
  • ArbMedVV, GefStoffV, ArbSchG, ASiG, DGUV V2 (Stand April 2026)
  • TRGS 561, 905, 910, 401, 528, 903
  • BK 1103

Stand: April 2026 · IAAI Arbeitssicherheit GmbH · Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung.

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