Gefahrstoffe · E FLU · Fassung Januar 2022

Fluor und anorganische Fluorverbindungen — Vorsorge (E FLU)

Auf einen Blick: Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit Fluor und anorganischen Fluorverbindungen, wenn der Arbeitsplatzgrenzwert nach GefStoffV nicht eingehalten wird oder der Gefahrstoff hautresorptiv ist und eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann. — DGUV Empfehlung „Fluor und anorganische Fluorverbindungen" (E FLU), Fassung Januar 2022, S. 244.
Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO IAAI · Aktualisiert 30. April 2026 · 13 Min Lesezeit

TRGS 903 nennt für Fluorwasserstoff und anorganische Fluorverbindungen einen BGW von 4 mg/l Fluorid im Urin (Probennahme am Expositions-/Schichtende) — identisch mit dem BAT-Wert der MAK-BAT-Werte-Liste. Ein BLW ist nicht ausgewiesen.

— DGUV Empfehlung E FLU, Fassung Januar 2022, S. 268
Fristen der Vorsorgen
Erste Vorsorge
vor Aufnahme der Tätigkeit
Zweite Vorsorge
Keine gesetzlichen fixen Fristen; ergeben sich aus Rechtsgrundlage, Anforderungsprofil und Gefährdungsbeurteilung
Jede weitere Vorsorge
Bei Eignungszweifel, Tätigkeitsveränderung, geänderter Gefährdungssituation, Unfall oder Synkope
Maßgeblich ist die arbeitsmedizinische Festlegung des Betriebsarztes; Bei Auffälligkeiten verkürzte Fristen nach ärztlichem Ermessen.

1. Worum geht es bei der Fluor-Vorsorge?

Die DGUV-Empfehlung E FLU regelt die arbeitsmedizinische Vorsorge bei Tätigkeiten mit Flussäure, Fluoriden und elementarem Fluor. Pflichtvorsorge greift bei Hartverchromung, Glasätzung und Halbleiterfertigung; Angebotsvorsorge bei Spurenexposition. Spezialverordnungen: GefStoffV (TRGS 900, 905), ArbMedVV.

Hauptgefahren: Flussäure-Verätzung (tiefenwirksam, schmerzhaft, hypokalzämische Krise möglich); chronische Aufnahme führt zu Skelettfluorose (Knochenverdichtung, Bewegungseinschränkung) und Zahnfluorose. Berufskrankheit: BK 1308 (Erkrankungen durch Fluor und seine Verbindungen)

2. Branchen-Schlaglicht

Top-3-Branchen aus IAAI-Sicht

  1. Galvanik / Hartverchromung — Flussäure-haltige Beißbäder, hohe Pflichtvorsorge-Quote.
  2. Glas-/Quarzindustrie — HF-Ätzung, Halbleiter-Wafer-Reinigung.
  3. Aluminiumelektrolyse — Kryolith-Schmelzen mit Fluorid-Stäuben.

3. Untersuchungsumfang

Anamnese: Muskel-Skelett-Erkrankungen, Osteoporose, gastrointestinale Symptome, respiratorische Beschwerden, Zahn- und Knochenbeschwerden, Nierensymptomatik, Medikamentenanamnese (insbesondere Bisphosphonate, Vitamin-D-Präparate). Berufsanamnese: Aluminium-, Glas-, Halbleiter- und Chemieindustrie, Fluoreinsatz in Ätzverfahren und HF-Anwendungen

UntersuchungZweck
Körperstatus, Inspektion Haut/ZähneZahnfluorose, Hautverätzungen
SpirometrieAtemwegs-Funktion
Röntgen Becken/Wirbelsäule (Erst-/auf Indikation)Skelettfluorose-Diagnostik
Fluorid im Urin (Standard; BGW 4 mg/l am Schichtende) (BAR/BLW)Innere Belastung
Calcium, Phosphat, APKnochen-Stoffwechsel
HF-Kontakt-Zeichen: (Verbrennungen, Ulcus), Untersuchung des Muskel-Skelett-Systems mit Beweglichkeit der Gelenke und Wirbelsäule.

HF-Verätzung:
Sofortige Spülung mit reichlich Wasser (mindestens 15 Minuten), anschließend Calciumgluconat-Gel 2,5 % topisch. Bei tiefergehenden Verbrennungen zusätzlich subkutane Infiltration oder intravenöse Gabe von Calciumgluconat 10 % nach ärztlicher Anordnung. Jede HF-Verbrennung ist ein Notfall wegen drohender systemischer Hypocalcämie mit Herzrhythmusstörungen — sofortige klinische Vorstellung erforderlich.

Fristen (AMR 2.1)

Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate je nach Exposition; Anlass-Vorsorge nach Unfall.

4. Beurteilung & IAAI in der Praxis

  • Schwere Atemwegserkrankungen (COPD, Asthma) — differenzierte Bewertung
  • Niereninsuffizienz — Fluorid-Ausscheidung beeinträchtigt
  • Knochen-/Stoffwechsel-Erkrankungen — M. Paget, Hyperparathyreoidismus

IAAI-Praxis: Spirometrie und Biomonitoring vor Ort, Röntgen-Indikation begründet. Notfall-Schulung HF-Verätzung bei Erstvorsorge. Termine in unserer digitalen Vorsorgekartei dokumentiert.

5. Häufige Fragen (FAQ)

Wer braucht die Fluor-Vorsorge?

Pflichtvorsorge bei Hartverchromung mit Flussäure, Glas-/Halbleiter-Ätzung, Aluminiumelektrolyse. Angebotsvorsorge bei Spurenexposition.

Wie oft?

Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate je nach Exposition.

Was bei HF-Spritzer?

Sofort mit reichlich Wasser spülen, Calciumgluconat-Gel, Notruf. Calcium-Spiegel monitoren.

Was misst Biomonitoring?

Fluorid im Urin (BAR-Wert) zur quantitativen Belastungsbeurteilung. BLW als Beurteilungsmaßstab.

BK 1308 anerkannt?

Nach BK-Verfahren mit gesicherter Fluor-Exposition und Skelettfluorose, Zahnfluorose oder Atemwegserkrankung.

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber gemäß § 3 Abs. 3 ArbSchG.

MTLA pipettiert Urinprobe für Fluorid-Bestimmung
Fluorid-Biomonitoring im Urin als zentrales Element der Fluor-Vorsorge.
Glasätzer mit säurefester PSA bei Flussäure-Ätzung
Glasätzen mit Flussäure — typische Tätigkeit mit hoher Hautresorptions-Gefahr.

6. Quellen

  • DGUV Empfehlung E FLU, Fassung Januar 2022
  • ArbMedVV; GefStoffV (TRGS 900, 905)
  • BKV Anlage 1, BK 1308
  • AMR 2.1, AMR 6.3

Stand: 30. April 2026 — Dr. Johannes Angerer, Betriebsarzt & COO IAAI Arbeitssicherheit GmbH.

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