DGUV-Empfehlung

G21-Untersuchung: Vorsorge bei extremer Kälte

Pflichtvorsorge bei Tätigkeiten mit extremer Kältebelastung von minus 25 °C und kälter, etwa in Tiefkühlhäusern und der Tiefkühllogistik. Raynaud-Syndrom, Erfrierungen, kardiovaskuläre Belastung. Stand April 2026.

Autor: Dr. med. Fabian Wengler · Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst · Geprüft von Johannes F. Angerer Veröffentlicht: 8. Januar 2026 · Aktualisiert: 29. September 2026 · Lesezeit: 11 Minuten

Auf einen Blick

Die DGUV-Empfehlung gilt ausschließlich für Tätigkeiten mit extremer Kältebelastung (≤ -25 °C), z. B. in Tiefkühlräumen, Gefriertrocknungsanlagen und Tieftemperaturversuchskammern. Für Tätigkeiten in milderen Kältebereichen (Kühl-, Kühllager-, Frost-, Tiefkühlbereich bis -25 °C) gilt die ASR A3.5 für die Gefährdungsbeurteilung; eine ArbMedVV-Pflichtvorsorge ist hier nicht vorgesehen.
Schutzziele: Prävention akuter Schäden (Erfrierungen, Hypothermie), chronischer vasospastischer Erkrankungen (Raynaud-Syndrom) und kardiovaskulärer Dekompensationen.

Stehender Beschäftigter mit Nasenklammer bei der Spirometrie, Betriebsärztin wertet die Fluss-Volumen-Kurve aus
Spirometrie zur Prüfung der respiratorischen Belastbarkeit bei Kältearbeit.
Schlachterei-Mitarbeiter mit Kettenhandschuh und Kälteschutzkleidung
Fleischzerlegung im Kühlraum — typische Kälteexposition.

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1. Was ist Kältearbeit?

Kältearbeit liegt vor, wenn Beschäftigte bei niedrigen Temperaturen tätig sind, etwa in Kühl- und Tiefkühlhäusern oder im Freien während der kalten Jahreszeit. Eine Pflichtvorsorge nach der ArbMedVV ist bei Tätigkeiten mit extremer Kältebelastung von minus 25 °C und kälter vorgeschrieben. Grundlage für Beratung und Untersuchung ist die DGUV-Empfehlung.

2. Rechtsgrundlage

  • ArbMedVV Anhang Teil 3 Abs. 1 Nr. 2 (extreme Kältebelastung, minus 25 °C und kälter)
  • ArbStättV; ASR A3.5 — Raumtemperatur (Mindestwerte je Tätigkeit)
  • BKV: entfällt. Eine durch reine Kälteexposition ausgelöste Erkrankung ist nicht als Berufskrankheit anerkannt. BK 2103 und BK 2104 betreffen vibrationsbedingte Erkrankungen und fallen unter eine andere DGUV-Empfehlung.

3. Vorsorgeanlässe

Pflichtvorsorge: bei Tätigkeiten mit extremer Kältebelastung (≤ -25 °C)

Angebotsvorsorge: entfällt
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Wunschvorsorge: auf Wunsch der versicherten Person

4. Branchen, Krankheitsbild, BK-Risiken

Beschäftigter in Kälteschutzanzug mit Handschuhen und Kopfschutz scannt eine Palette im Tiefkühllager
Tiefkühllager bei -22 °C: typische Kältearbeit im Tiefkühlbereich.

4.1 Branchen

  • Tiefkühllogistik, Kühlhäuser, Lebensmittelversand
  • Fleisch-, Fisch-, Geflügel-, Molkerei-, Bäckereien
  • Forschung mit Tiefkühltechnik / Kryogenie
  • Außenarbeitsplätze im Winter (Bau, Forst, Landwirtschaft, Postzustellung, Straßenwartung): keine Pflichtvorsorge, solange nicht minus 25 °C und kälter erreicht werden; Schutzmaßnahmen über die Gefährdungsbeurteilung

4.2 Krankheitsbild

Akut: Lokale Erfrierungen (Finger, Zehen, Nase, Ohren), Hypothermie. Chronisch: Raynaud-Syndrom (vasospastische Anfälle, Weiß-/Blau-/Rot-Verfärbung der Finger), Akrozyanose (bläuliche Verfärbung der Akren — Finger, Zehen, Nase — durch Durchblutungsstörung), Frostbeulen (Pernio), kardiovaskuläre Dekompensation bei Vorerkrankungen, vermehrte Atemwegsinfekte.

Fristen der Vorsorge
Erste Vorsorge
innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Zweite Vorsorge
spätestens zwölf Monate nach Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 2 Buchst. c)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)
Die Fristen sind Höchstfristen. Der Arzt oder die Ärztin kann kürzere Fristen festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht notwendig ist (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 4).

5. Untersuchungsumfang

Klinische Untersuchungen Erstuntersuchung: Urinstatus, Nüchtern-Blutzucker, Blutbild, Transaminasen, Kreatinin, Ruhe-EKG.
Ergänzend nach ärztlichem Ermessen: Ergometrie, Lungenfunktionsprüfung.
Allen-Test und Kälteprovokationstest sind nicht Bestandteil des DGUV-Standards, können aber bei Raynaud-Verdacht ergänzt werden

6. Beurteilung

Vier-Stufen-Beurteilung. Besonders zu berücksichtigen sind: Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, Erkrankungen der Atmungsorgane, Erkrankungen des Blutes, Erkrankungen der Haut (mit Durchblutungseinfluss), Erkrankungen der Nieren und ableitenden Harnwege, Rheumatischer Formenkreis (M. Raynaud), Erkrankungen des äußeren Auges (Sicca, Pterygium, voroperierte Augen — augenärztliches Konsil erforderlich), Kälteüberempfindlichkeit (Kälteurticaria, Kältehämoglobinurie), Anfallsleiden (Bezug DGUV Information 250-001), Erkrankungen ZNS/PNS mit Funktionsstörungen, Alkohol-, Suchtmittel-, Medikamentenabhängigkeit

7. Praxistipps für Unternehmen

  1. Kälteschutzkleidung. Schichtenprinzip; geprüfte Tiefkühlanzüge nach EN 342, Kälteschutzhandschuhe nach EN 511.
  2. Sehhilfe: Trageverbot weicher Kontaktlinsen bei extremer Kälte
  3. Aufwärmraum. Klimatisiert auf min. +21 °C; warme Getränke verfügbar.
  4. Akklimatisation. Neue Mitarbeiter über mehrere Tage langsam an Kälte gewöhnen.
  5. Trinken nicht vergessen. Auch bei Kälte 1,5–2 L/Tag (warme Getränke).
  6. Notfallorganisation. Hypothermie- und Erfrierungs-Erstmaßnahmen, schnelle Erkennung Raynaud-Anfälle.
  7. Schwangerschaftsschutz. Bei Tiefkühl-Bereichen Wechsel auf nicht-exponierte Tätigkeit — § 11 MuSchG.

FAQ

Wann ist Pflichtvorsorge bei Kälte zwingend?

Bei Tätigkeiten mit extremer Kältebelastung ab -25 °C (ArbMedVV Anhang Teil 3). Für mildere Kältebereiche sieht die ArbMedVV keine Pflichtvorsorge vor.

Was ist das Raynaud-Syndrom?

Vasospastische Anfälle der Fingerarterien mit charakteristischer Drei-Phasen-Verfärbung (weiß, blau, rot). Eine durch reine Kälteexposition ausgelöste Erkrankung ist nicht als Berufskrankheit anerkannt. Die BK 2103 und BK 2104 betreffen vibrationsbedingte Erkrankungen und fallen unter eine andere DGUV-Empfehlung.

Welche Kälteschutzkleidung ist Pflicht?

Tiefkühlanzug nach EN 342 (Schutz vor Kälte und Wind), Kälteschutzhandschuhe nach EN 511, Sicherheitsschuhe Klasse mit Isolierung, Kälteschutzmütze.

Wie ist das Pausenregime?

Die DGUV-Empfehlung führt keine konkreten Pausenintervalle. Aufwärmpausen legt der Arbeitgeber im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung fest.

Was tun bei Erfrierung?

Sofort warmen Aufwärmraum aufsuchen. Erfrorenes Areal NICHT reiben! Langsam erwärmen mit lauwarmem Wasser (37–39 °C). Bei tiefer Erfrierung: Notarzt.

Quellen

  • DGUV Empfehlung „Kältearbeiten“
  • ArbMedVV Anhang Teil 3 Abs. 1 Nr. 2; ArbStättV; ASR A3.5
  • EN 342 (Kälteschutzkleidung), EN 511 (Kälteschutzhandschuhe)
  • DGUV Information 213-002

IAAI — wir setzen die Kältearbeiten-Vorsorge für Sie um

Wir betreuen Tiefkühllogistik, Lebensmittelproduktion, Kühlhäuser und Außenarbeitsbetriebe bundesweit. Erstberatung, kardiovaskuläre Vorsorge mit EKG, Raynaud-Diagnostik, Kälteschutz-Konzepte.

Stand: April 2026. Dieser Text ersetzt keine arbeitsmedizinische oder rechtliche Einzelfallberatung.

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G21-Untersuchung auf einen Blick

Die G21-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Pflichtvorsorge nach ArbMedVV für Beschäftigte, die bei minus 25 °C und kälter arbeiten, etwa in Tiefkühlräumen, Gefriertrocknungsanlagen oder Kältekammern. Seit 2022 heißt sie offiziell DGUV-Empfehlung ‚Kältearbeiten‘. Im Blick stehen Herz, Kreislauf, Atemwege und die Durchblutung von Händen und Füßen.

ArtPflichtvorsorge nach ArbMedVV, keine Eignungsuntersuchung
RechtsgrundlageArbMedVV Anhang Teil 3 (extreme Kältebelastung)
Für wenTätigkeiten bei minus 25 °C und kälter
Fristerste Vorsorge bis 3 Monate vor Beginn, zweite nach spätestens 12, dann alle 36 Monate
Kostenträgt der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG)
Wer darf untersuchenFacharzt für Arbeitsmedizin oder Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV)

Ist die G21-Untersuchung Pflicht?

Ja, sobald Beschäftigte bei minus 25 °C oder kälter arbeiten. Dann gilt Pflichtvorsorge nach ArbMedVV: Der Arbeitgeber muss den Termin veranlassen und darf die Tätigkeit erst danach übertragen. Die Beschäftigten müssen am Gespräch teilnehmen. EKG, Blutentnahme und andere Untersuchungen erfolgen nur mit ihrer Einwilligung. Die Vorsorge ist keine Eignungsuntersuchung und entscheidet nicht über Einstellung oder Weiterbeschäftigung.

Für Kühlräume und Tiefkühllager, die wärmer als minus 25 °C betrieben werden, gibt es keine Pflicht- und auch keine Angebotsvorsorge. Beschäftigte können dort aber eine Wunschvorsorge verlangen, etwa wenn sie unter kalten Fingern, Atembeschwerden oder einer Herzerkrankung leiden. Der Arbeitgeber darf sie nur ablehnen, wenn nach der Gefährdungsbeurteilung nicht mit einem Gesundheitsschaden zu rechnen ist.

Wie läuft die G21-Untersuchung ab?

  1. Vorbereitung: Der Betriebsarzt erhält Angaben zu Temperaturen, Aufenthaltsdauer im Kältebereich, Aufwärmzeiten und Schutzkleidung.
  2. Fragebogen und Gespräch: Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Durchblutungsstörungen der Finger, Hauterkrankungen und Medikamente.
  3. Untersuchung: Bei der Erstvorsorge sieht die DGUV-Empfehlung Laborwerte und ein Ruhe-EKG vor, weitere Tests nach ärztlichem Ermessen. Alles erfolgt nur mit Einwilligung.
  4. Beratung: Kälteschutzkleidung, Aufwärmpausen, Warnzeichen von Erfrierungen und Unterkühlung.
  5. Bescheinigung: Beschäftigte und Arbeitgeber erhalten die Vorsorgebescheinigung mit dem nächsten Termin.

Bringen Sie eine aktuelle Medikamentenliste und, falls vorhanden, frühere EKG-Befunde mit. Treten zwischen zwei Terminen Beschwerden auf, etwa weiße Finger oder Atemnot in der Kälte, können Beschäftigte eine Wunschvorsorge verlangen und müssen nicht bis zur nächsten Frist warten.

Was erfährt der Arbeitgeber, und wer zahlt?

Der Arbeitgeber erhält nur die Vorsorgebescheinigung mit Datum, Anlass und nächstem Termin. Diagnosen, EKG- und Laborwerte bleiben unter ärztlicher Schweigepflicht. Rät der Arzt aus Gründen, die allein in der Person liegen, von der Kältearbeit ab, darf er dies dem Arbeitgeber nur mit Einwilligung der oder des Beschäftigten mitteilen (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV). Zeigen die Erkenntnisse, dass Kälteschutz oder Aufwärmpausen nicht ausreichen, schlägt er dem Arbeitgeber Verbesserungen vor, ohne Einzelbefunde zu nennen.

Die Kosten trägt der Arbeitgeber, denn Kosten für Arbeitsschutzmaßnahmen dürfen nach § 3 Abs. 3 ArbSchG nicht den Beschäftigten auferlegt werden. Das gilt auch für Labor und EKG. Die Vorsorge soll während der Arbeitszeit stattfinden. In der Vorsorgekartei des Arbeitgebers stehen nur Datum und Anlass jeder Vorsorge.

G21-Untersuchung mit IAAI

IAAI führt die Vorsorge bundesweit durch, vor Ort im Betrieb oder in der Praxis. Für Tiefkühllogistik stimmen wir die Termine mit dem Schichtbetrieb ab und klären mit Ihnen, welche Bereiche unter die Pflichtvorsorge fallen. Für Saisonspitzen, etwa vor dem Weihnachtsgeschäft, planen wir Sammeltermine für neue Beschäftigte. Angebot anfordern

Darf der Hausarzt die G21-Untersuchung machen?

Nur, wenn er Facharzt für Arbeitsmedizin ist oder die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin führt (§ 7 ArbMedVV). Vorbefunde vom Hausarzt, etwa ein aktuelles EKG, kann der Betriebsarzt aber berücksichtigen.

Wie oft muss die G21-Untersuchung wiederholt werden?

Die zweite Vorsorge ist spätestens 12 Monate nach Aufnahme der Kältearbeit fällig, danach spätestens alle 36 Monate (AMR 2.1). Der Arzt kann kürzere Abstände festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht nötig ist.

Wer bezahlt die G21-Untersuchung?

Der Arbeitgeber bezahlt die G21-Untersuchung einschließlich Labor und EKG (§ 3 Abs. 3 ArbSchG). Die Vorsorge soll während der Arbeitszeit stattfinden.

Wie lange dauert die G21-Untersuchung?

Die Dauer hängt vom Umfang ab. Die Erstvorsorge mit Labor und EKG dauert länger als eine Folgevorsorge mit Gespräch. Laborergebnisse liegen meist einige Tage später vor.

Brauchen Aushilfen und Saisonkräfte die Vorsorge?

Ja, wenn sie bei minus 25 °C oder kälter arbeiten. Die ArbMedVV knüpft an die Tätigkeit an, eine Mindestdauer des Arbeitsverhältnisses gibt es nicht. Die Vorsorge muss vor dem ersten Einsatz stattfinden.

Was gilt bei Herzerkrankung oder Bluthochdruck?

Eine Herzerkrankung oder ein Bluthochdruck bedeutet nicht automatisch das Ende der Kältearbeit. Der Arzt bespricht im Einzelfall angepasste Schutzmaßnahmen, kürzere Aufenthalte im Kältebereich oder verkürzte Vorsorgefristen. Ein Tätigkeitsverbot spricht die Vorsorge nicht aus.