Gefahrstoffe · DGUV-Empfehlung

Nitroglycerin und Nitroglykol: Arbeitsmedizinische Vorsorge

Auf einen Blick: Pflicht- und Angebotsvorsorge bei Tätigkeiten mit Sprengölen (Einatmen von Aerosolen und Staub, Hautkontakt). Hauptrisiko: Toleranzentzug-Symptomatik („Montag-Sterben“) bei Wiederaufnahme der Tätigkeit nach arbeitsfreien Tagen. BK 1309.
Johannes F. Angerer · Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst · Aktualisiert 30. April 2026 · 12 Min Lesezeit

„Bei Wiederaufnahme der Tätigkeit nach Toleranzentzug können plötzlich auftretende Angina-pectoris-Anfälle und Herzinfarkte beobachtet werden.“

— DGUV-Empfehlung „Nitroglycerin und Nitroglykol“

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Fristen der Vorsorge
Erste Vorsorge
innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Zweite Vorsorge
spätestens zwölf Monate nach Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 2 Buchst. c)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)
Die Fristen sind Höchstfristen. Der Arzt oder die Ärztin kann kürzere Fristen festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht notwendig ist (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 4).

1. Worum geht es bei der Nitroglycerin/Nitroglykol-Vorsorge?

Nitroglycerin (Glyceroltrinitrat) und Nitroglykol (Ethylenglykoldinitrat) sind organische Salpetersäureester — Sprengöle. Sie werden über Haut und Atemwege resorbiert, wirken stark gefäßerweiternd. Pflichtvorsorge, wenn der Arbeitsplatzgrenzwert nicht eingehalten wird oder eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann (hautresorptiv); Angebotsvorsorge, wenn eine Exposition nicht ausgeschlossen werden kann und keine Pflichtvorsorge zu veranlassen ist.

Toleranzentzug-Syndrom („Montag-Sterben“): Nach 1–2 arbeitsfreien Tagen verlieren Versicherte die Gefäßtoleranz. Bei Wiederaufnahme der Exposition kann es zu plötzlichen Koronarspäsmen, Angina pectoris und Herzinfarkt kommen — historisch dokumentierte Todesfälle in Sprengstoffwerken am Wochenanfang.

2. Branchen-Schlaglicht

Top-3-Branchen aus IAAI-Sicht

  1. Sprengstoff-Industrie — Produktion, Konfektionierung Dynamit/Gelatinedynamit.
  2. Pyrotechnik — Treibmittel, Anzündhilfen, Treibladungspulver.
  3. Bergbau / Tunnelbau — Sprengarbeiten unter Tage, Bohrlochladung.

3. Untersuchungsumfang

Anamnese: Kopfschmerzen am Arbeitsbeginn, Schwindel, Synkopen, frühere Herzbeschwerden, Wochenbeginn-Symptome.

UntersuchungZweck
Blutdruck (Sitzen, Stehen)Orthostase nach Toleranzentzug
Ruhe-EKG; Belastungs-EKG bei IndikationKoronarinsuffizienz, Rhythmusstörungen
SpirometrieLungenfunktion
Labor: Blutbild, GPT, GGT, Glucose, Lipide, KreatininStoffwechsel, Leber, Niere, kardiovaskuläres Risiko
Inspektion HautHautresorption
Wichtig: Erste Vorsorge vor der ersten Sprengöl-Exposition. Bei Symptomen am Wochenbeginn (Kopfschmerz, Brustenge) ärztliche Abklärung und graduelle Re-Exposition. Hält der Arzt aus persönlichen medizinischen Gründen einen Tätigkeitswechsel für erforderlich, darf er dies dem Arbeitgeber nur mit Einwilligung der beschäftigten Person mitteilen (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV).

Fristen (AMR 2.1)

Erste Vorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; zweite Vorsorge spätestens nach 12 Monaten, jede weitere spätestens nach 36 Monaten (AMR 2.1). Bei einer Erkrankung, die mit der Tätigkeit zusammenhängen kann, etwa einem kardialen Ereignis, ist zusätzlich Angebotsvorsorge anzubieten (§ 5 Abs. 2 ArbMedVV).

4. Beurteilung & IAAI in der Praxis

  • Koronare Herzkrankheit, Z. n. Infarkt — relative Kontraindikation
  • Schwere arterielle Hypertonie, Migräne mit vasomotorischer Komponente
  • Multiple kardiovaskuläre Risikofaktoren (Diabetes, Rauchen, Hyperlipidämie)

IAAI-Praxis: Belastungs-EKG vor Ort, Blutdruckmessung in zwei Lagen. Präventionsschulung Toleranzentzug bei Erstvorsorge: graduelle Re-Exposition nach Urlaub/Krankheit. Termine in unserer digitalen Vorsorgekartei verwaltet.

5. Häufige Fragen (FAQ)

Was ist das „Montag-Sterben“?

Historisch beobachtetes Phänomen: Sprengöl-Arbeiter verlieren am Wochenende die Gefäßtoleranz; bei Wiederaufnahme der Arbeit plötzliche Koronarspäsmen, Angina pectoris, Infarkt — bis hin zum Tod.

Wie verhindere ich Toleranzentzug?

Graduelle Re-Exposition nach arbeitsfreien Tagen, niedrige Anfangsdosis am Montag, kurze „Einarbeitungs“-Schicht.

Wie oft muss ich zur Vorsorge?

Vor Aufnahme der Tätigkeit; zweite Vorsorge spätestens nach 12 Monaten, jede weitere spätestens nach 36 Monaten. Bei einer möglicherweise tätigkeitsbedingten Erkrankung, etwa einem kardialen Ereignis, zusätzlich Angebotsvorsorge (§ 5 Abs. 2 ArbMedVV).

Wer braucht die Vorsorge?

Sprengstoff-Industrie, Pyrotechnik, Bergbau mit Sprengarbeiten unter Tage.

BK 1309 anerkannt?

Erkrankungen durch Salpetersäureester — nach gesicherter Exposition und kardialer Erkrankung mit Kausalzusammenhang.

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber gemäß § 3 Abs. 3 ArbSchG.

Belastungs-EKG mit Blutdruck und Kreislaufprüfung
Untersuchung — EKG, Blutdruck und Kreislauffunktionsprüfung der Sprengöl-Vorsorge.
Bergmann beim Setzen einer Sprengladung
Bergbau — Bohr- und Sprengarbeiten Untertage mit Glykoldinitrat-Sprengstoff.

6. Quellen

  • DGUV-Empfehlung „Nitroglycerin und Nitroglykol“
  • ArbMedVV; GefStoffV (TRGS 900, 905)
  • BKV Anlage 1, BK 1309
  • AMR 2.1, AMR 6.3

Stand: 30. April 2026 · Johannes F. Angerer, Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst, IAAI Arbeitssicherheit GmbH

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