Gefahrstoffe · E GLY · Fassung Januar 2022

Nitroglycerin und Nitroglykol — Vorsorge (E GLY)

Auf einen Blick: Pflicht- und Angebotsvorsorge bei Sprengöl-Aerosolen und Sprengölstaub. Hauptrisiko: Toleranzentzug-Symptomatik („Montag-Sterben“) bei Wiederaufnahme der Tätigkeit nach arbeitsfreien Tagen. BK 1309.
Dr. Johannes Angerer · Betriebsarzt & COO IAAI · Aktualisiert 30. April 2026 · 12 Min Lesezeit

„Bei Wiederaufnahme der Tätigkeit nach Toleranzentzug können plötzlich auftretende Angina-pectoris-Anfälle und Herzinfarkte beobachtet werden.“

— DGUV Empfehlung E GLY, Fassung Januar 2022, S. 437
Fristen der Vorsorgen
Erste Vorsorge
vor Aufnahme der Tätigkeitinnerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)Kürzere Fristen sind zulässig und vom Arzt oder der Ärztin festzulegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht erforderlich ist. Für Wunschvorsorgen gibt es keine vorgegebenen Fristen.
Maßgeblich ist die arbeitsmedizinische Festlegung des Betriebsarztes; Bei Auffälligkeiten verkürzte Fristen nach ärztlichem Ermessen.

1. Worum geht es bei der Nitroglycerin/Nitroglykol-Vorsorge?

Nitroglycerin (Glyceroltrinitrat) und Nitroglykol (Ethylenglykoldinitrat) sind organische Salpetersäureester — Sprengöle. Sie werden über Haut und Atemwege resorbiert, wirken stark gefäßerweiternd. Pflichtvorsorge bei Sprengöl-Aerosolen und Staub; Angebotsvorsorge bei Spurenexposition.

Toleranzentzug-Syndrom („Montag-Sterben“): Nach 1–2 arbeitsfreien Tagen verlieren Versicherte die Gefäßtoleranz. Bei Wiederaufnahme der Exposition kann es zu plötzlichen Koronarspäsmen, Angina pectoris und Herzinfarkt kommen — historisch dokumentierte Todesfälle in Sprengstoffwerken am Wochenanfang.

2. Branchen-Schlaglicht

Top-3-Branchen aus IAAI-Sicht

  1. Sprengstoff-Industrie — Produktion, Konfektionierung Dynamit/Gelatinedynamit.
  2. Pyrotechnik — Treibmittel, Anzündhilfen, Festspr engsatz.
  3. Bergbau / Tunnelbau — Sprengarbeiten unter Tage, Bohrlochladung.

3. Untersuchungsumfang

Anamnese: Kopfschmerzen am Arbeitsbeginn, Schwindel, Synkopen, frühere Herzbeschwerden, Wochenbeginn-Symptome.

UntersuchungZweck
Blutdruck (Sitzen, Stehen)Orthostase nach Toleranzentzug
Ruhe-EKG; Belastungs-EKG bei IndikationKoronarinsuffizienz, Rhythmusstörungen
SpirometrieLungenfunktion
Labor: Blutbild, GPT, GGT, Glucose, Lipide, KreatininStoffwechsel, Leber, Niere, kardiovaskuläres Risiko
Inspektion HautHautresorption
Wichtig: Erstuntersuchung VOR der ersten Sprengöl-Exposition. Bei Symptomen am Wochenbeginn (Kopfschmerz, Brustenge) sofortiger Arbeitsplatzwechsel oder graduelle Re-Exposition.

Fristen (AMR 2.1)

Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate. Anlass-Vorsorge nach kardialem Ereignis.

4. Beurteilung & IAAI in der Praxis

  • Koronare Herzkrankheit, Z. n. Infarkt — relative Kontraindikation
  • Schwere arterielle Hypertonie, Migräne mit vasomotorischer Komponente
  • Multiple kardiovaskuläre Risikofaktoren (Diabetes, Rauchen, Hyperlipidämie)

IAAI-Praxis: Belastungs-EKG vor Ort, Blutdruckmessung in zwei Lagen. Präventionsschulung Toleranzentzug bei Erstvorsorge: graduelle Re-Exposition nach Urlaub/Krankheit. Termine in unserer digitalen Vorsorgekartei verwaltet.

5. Häufige Fragen (FAQ)

Was ist das „Montag-Sterben“?

Historisch beobachtetes Phänomen: Sprengöl-Arbeiter verlieren am Wochenende die Gefäßtoleranz; bei Wiederaufnahme der Arbeit plötzliche Koronarspäsmen, Angina pectoris, Infarkt — bis hin zum Tod.

Wie verhindere ich Toleranzentzug?

Graduelle Re-Exposition nach arbeitsfreien Tagen, niedrige Anfangsdosis am Montag, kurze „Einarbeitungs“-Schicht.

Wie oft muss ich zur Vorsorge?

Vor Aufnahme der Tätigkeit; erste Nachsorge nach 12 Monaten, weitere Nachsorgen alle 36 Monate. Anlass-Vorsorge nach kardialem Ereignis.

Wer braucht die Vorsorge?

Sprengstoff-Industrie, Pyrotechnik, Bergbau mit Sprengarbeiten unter Tage.

BK 1309 anerkannt?

Erkrankungen durch Salpetersäureester — nach gesicherter Exposition und kardialer Erkrankung mit Kausalzusammenhang.

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber gemäß § 3 Abs. 3 ArbSchG.

Belastungs-EKG mit Blutdruck und Kreislaufprüfung
Untersuchung — EKG, Blutdruck und Kreislauffunktionsprüfung der Sprengöl-Vorsorge.
Bergmann beim Setzen einer Sprengladung
Bergbau — Bohr- und Sprengarbeiten Untertage mit Glykoldinitrat-Sprengstoff.

6. Quellen

  • DGUV Empfehlung E GLY, Fassung Januar 2022
  • ArbMedVV; GefStoffV (TRGS 900, 905)
  • BKV Anlage 1, BK 1309
  • AMR 2.1, AMR 6.3

Stand: 30. April 2026 — Dr. Johannes Angerer, Betriebsarzt & COO IAAI Arbeitssicherheit GmbH.

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