Gefahrstoffe · DGUV-Empfehlung · Fassung Januar 2022

G11-Untersuchung: Vorsorge bei Schwefelwasserstoff (H₂S)

Auf einen Blick: Pflicht- und Angebotsvorsorge bei H₂S-Exposition. Akut tödlich ab etwa 700 ppm (Sekundentod), Lungenödem bei längerer Exposition gegenüber mehreren hundert ppm. Geruch (faules Ei) verschwindet bei hohen Konzentrationen. Branchen: Abwasser, Petrochemie, Biogas. BK 1202.
Johannes F. Angerer · Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst · Aktualisiert 30. April 2026 · 11 Min Lesezeit

„H₂S ist Atemgift. Bei hohen Konzentrationen Olfaktor-Lähmung — die Gefahr wird nicht mehr wahrgenommen.“

— DGUV Empfehlungen für arbeitsmedizinische Beratungen und Untersuchungen, Fassung Januar 2022

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Fristen der Vorsorge
Erste Vorsorge
innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Zweite Vorsorge
spätestens zwölf Monate nach Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 2 Buchst. c)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)
Die Fristen sind Höchstfristen. Der Arzt oder die Ärztin kann kürzere Fristen festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht notwendig ist (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 4).

1. Worum geht es?

H₂S ist farblos, riecht nach faulen Eiern, ist schwerer als Luft. Bei hohen Konzentrationen kommt es zur Olfaktor-Lähmung — das Warngeruchssystem versagt. Wirkt als Cytochromoxidase-Hemmer (innere Erstickung). Pflichtvorsorge bei AGW-Überschreitung; Angebotsvorsorge bei Spurenexposition. BK 1202 (Erkrankungen durch Schwefelwasserstoff).

2. Konzentrationen + Branchen

KonzentrationWirkung
0,01–0,5 ppmGeruchsschwelle
10 ppmKurzzeitwert; AGW (8 h) 5 ppm
100 ppmOlfaktor-Lähmung, Atemwegsreizung
500 ppmLungenödem nach Stunden
700+ ppmSekundentod (1–2 Atemzüge)

Top-3-Branchen

  1. Abwasser / Kläranlagen — Fäulnisprozesse.
  2. Petrochemie / Erdgas-Förderung — Sour-Gas, Raffinerien.
  3. Biogas-Anlagen / Landwirtschaft (Güllegrube) — Faulgasbildung beim anaeroben Abbau organischer Stoffe.

3. Untersuchungsumfang

UntersuchungZweck
SpirometrieAtemwegs-Funktion, Lungenödem-Folgen
EKG; ggf. Belastungs-EKGKardiale Folgen
Riech-PrüfungAnosmie nach H₂S-Vergiftung
Neurologischer StatusZNS-Spätfolgen
Notfall H₂S-Vergiftung: Sofort Frischluft, 100 %-Sauerstoff. Bei Bewusstlosigkeit Reanimation. Vorsicht: Retter sind selbst gefährdet — Eigenschutz mit Pressluftatmer.

Fristen

Erste Vorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; zweite Vorsorge spätestens nach 12 Monaten, jede weitere spätestens nach 36 Monaten (AMR 2.1); nach einer Vergiftung unverzüglich Angebotsvorsorge (§ 5 Abs. 2 ArbMedVV).

4. IAAI in der Praxis

  • Spirometrie + EKG vor Ort.
  • Schulung Notfall-Erste-Hilfe und CO-/H₂S-Warngeräte am Arbeitsplatz (Alarmschwellen am AGW von 5 ppm und am Kurzzeitwert von 10 ppm ausrichten).
  • Beratung zu Pressluftatmer-Bereitstellung in Risikobereichen.

5. Häufige Fragen (FAQ)

Wer braucht H₂S-Vorsorge?

Abwasser/Kläranlagen, Petrochemie, Biogas, Landwirtschaft (Gülle), Sondermechaniker.

Was ist Olfaktor-Lähmung?

Bei H₂S-Konzentrationen über 100 ppm versagt das Geruchssystem — die Person erkennt die Gefahr nicht mehr. Daher unbedingt H₂S-Warngeräte tragen.

Notfall-Antidot?

Sauerstoff-Hochdosis. Hyperbare Sauerstofftherapie bei schwerer Vergiftung. Kein effektives Antidot wie bei Cyanid.

Spätfolgen?

Persistierende ZNS-Schäden, Anosmie, kognitive Einschränkungen, kardiale Folgen.

BK 1202?

Erkrankungen durch Schwefelwasserstoff — anerkannte Berufskrankheit nach gesicherter Exposition.

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber gemäß § 3 Abs. 3 ArbSchG.

6. Quellen

  • DGUV Empfehlungen für arbeitsmedizinische Beratungen und Untersuchungen, Fassung Januar 2022
  • ArbMedVV; GefStoffV (TRGS 900, 903)
  • BKV Anlage 1, BK 1202
  • DGUV Information 213-056 (Gaswarneinrichtungen und -geräte für toxische Gase/Dämpfe und Sauerstoff, Einsatz und Betrieb)

Stand: 30. April 2026 · Johannes F. Angerer, Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst, IAAI Arbeitssicherheit GmbH

Riechtest mit Sniffin' Sticks im Rahmen der arbeitsmedizinischen Vorsorge
Riechtest mit Sniffin' Sticks — Olfaktorik-Diagnostik der H2S-Vorsorge.
Biogasanlagen-Operator mit Atemschutz und Gas-Warngerät
Wartung in Biogasanlage mit Gas-Warngerät — typische H2S-Risikoumgebung.
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G11-Untersuchung auf einen Blick

Die G11-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Vorsorge nach ArbMedVV für Beschäftigte, die Schwefelwasserstoff ausgesetzt sein können, etwa in Kläranlagen und Kanälen, in der Petrochemie, in Biogasanlagen oder an Güllegruben. Den früheren DGUV-Grundsatz G 11 hat 2022 die DGUV-Empfehlung „Schwefelwasserstoff“ abgelöst, die G-Nummer ist umgangssprachlich geblieben.

ArtPflichtvorsorge, wenn der Arbeitsplatzgrenzwert nicht eingehalten wird; sonst Angebotsvorsorge bei möglicher Exposition
RechtsgrundlageArbMedVV Anhang Teil 1 (Gefahrstoffe), Fristen nach AMR 2.1
Für wenAbwasser, Kanalbetrieb, Petrochemie, Biogas, Landwirtschaft
Fristvor Beginn, spätestens nach 12 Monaten, dann spätestens alle 36 Monate
Kostenträgt der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG)
Wer darf untersuchenFacharzt für Arbeitsmedizin oder Arzt mit Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin

Ist die G11-Untersuchung Pflicht?

Das hängt von der Gefährdungsbeurteilung ab. Wird der Arbeitsplatzgrenzwert für Schwefelwasserstoff nicht eingehalten, muss der Arbeitgeber Pflichtvorsorge veranlassen, und die Tätigkeit darf erst danach beginnen (§ 4 ArbMedVV). Ist eine Belastung möglich, der Grenzwert aber eingehalten, muss er Angebotsvorsorge anbieten.

  • Bei Pflichtvorsorge ist das ärztliche Beratungsgespräch verbindlich.
  • Lungenfunktion, EKG oder Riechtest erfolgen nur, wenn Sie nicht widersprechen.
  • Ein Angebot können Sie ablehnen. Der Arbeitgeber muss es trotzdem regelmäßig wiederholen.

Die Gefährdungsbeurteilung sollte nicht nur den Normalbetrieb abbilden, sondern auch seltene Arbeiten wie das Öffnen von Schächten, die Reinigung von Faulbehältern oder Störungen. Gerade dabei treten hohe Konzentrationen auf, und gerade diese Arbeiten führen oft zur Pflichtvorsorge.

Wer untersucht, und welche Vorsorge kommt oft dazu?

Die Vorsorge führt ein Facharzt für Arbeitsmedizin oder ein Arzt mit Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin durch (§ 7 ArbMedVV). Ein Hausarzt ohne diese Qualifikation darf sie nicht übernehmen.

Wer in Schächten, Behältern oder Faulbereichen mit Pressluftatmer arbeitet, braucht zusätzlich die Vorsorge für Atemschutzgeräte, die frühere G26-Untersuchung. Beim Pressluftatmer mit mehr als 5 kg Gerätegewicht (Gruppe 3 nach AMR 14.2) ist sie Pflichtvorsorge. Beide Termine lassen sich in der Regel zusammenlegen.

IAAI übernimmt beides bundesweit, im Betrieb oder in der Praxis, und stimmt die Termine mit Ihren Schichtplänen ab. Angebot anfordern

Was ist die G11-Untersuchung?

Die G11-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Vorsorge bei Tätigkeiten mit Schwefelwasserstoff. Grundlage ist die ArbMedVV, den DGUV-Grundsatz G 11 hat 2022 die gleichnamige DGUV-Empfehlung abgelöst.

Was wird bei der G11-Untersuchung gemacht?

Der Arzt berät Sie zu Vergiftungsgefahr, Warngeräten und Atemschutz, fragt nach Beschwerden und bietet je nach Bedarf eine Lungenfunktionsprüfung, ein EKG und eine Prüfung des Geruchssinns an. Das Beratungsgespräch ist bei Pflichtvorsorge verbindlich. Untersuchungen erfolgen nach § 2 Abs. 1 Nr. 3 ArbMedVV nur, wenn Sie sie nicht ablehnen.

Erfährt mein Arbeitgeber meine Befunde?

Nein, Ihr Arbeitgeber erfährt keine Befunde. Er erhält nach § 6 Abs. 3 ArbMedVV nur eine Vorsorgebescheinigung mit Datum, Anlass und nächstem Termin, alles Weitere unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht. Hält der Arzt die Schutzmaßnahmen für unzureichend, teilt er das dem Arbeitgeber ohne persönliche Befunde mit (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV).

Ersetzt ein H₂S-Warngerät die Vorsorge?

Nein, ein Warngerät ersetzt die Vorsorge nicht. Das Warngerät warnt im Moment der Gefahr, die Vorsorge erkennt gesundheitliche Folgen und berät zum Schutz. Technische und organisatorische Schutzmaßnahmen haben nach § 4 ArbSchG Vorrang, die Vorsorge kommt hinzu.