Gefahrstoffe · DGUV-Empfehlung

G10-Untersuchung: Methanol-Vorsorge

Auf einen Blick: Pflicht- und Angebotsvorsorge bei Methanol-Exposition. Hauptgefahr: Sehnerv-Schädigung bis zur Erblindung, metabolische Azidose. Antidot: Ethanol oder Fomepizol. BK 1306 (Methanol) und BK 1317 (Polyneuropathie/Enzephalopathie durch Lösemittel).
Johannes F. Angerer · Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst · Aktualisiert 30. April 2026 · 11 Min Lesezeit

„Methanol-Aufnahme führt über Formaldehyd und Ameisensäure zur Sehnerv-Schädigung. Bei akuter Vergiftung sofortige Antidot-Therapie!“

— DGUV-Empfehlung

Kostenloses Werkzeug

Welche Vorsorge braucht Ihr Betrieb?

Tätigkeiten anklicken und sofort sehen, welche Pflicht-, Angebots- und Wunschvorsorge nach ArbMedVV gilt, mit Fristen nach AMR 2.1 und PDF zum Ausdrucken.

Zum Vorsorge-Rechner
Fristen der Vorsorge
Erste Vorsorge
innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Zweite Vorsorge
spätestens zwölf Monate nach Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 2 Buchst. c)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)
Die Fristen sind Höchstfristen. Der Arzt oder die Ärztin kann kürzere Fristen festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht notwendig ist (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 4).

1. Worum geht es?

Methanol ist ein hochtoxischer Alkohol, der über Lunge, Haut und gastrointestinal aufgenommen wird. Wird in Leber zu Formaldehyd und Ameisensäure metabolisiert — die toxischen Metaboliten führen zur Sehnerv-Schädigung (bis zur Erblindung) und schweren metabolischen Azidose. Pflichtvorsorge, wenn der AGW nicht eingehalten wird oder eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann; sonst Angebotsvorsorge, wenn eine Exposition nicht ausgeschlossen werden kann. BK 1306 (Methanol-Erkrankungen), BK 1317 (Lösemittel-Polyneuropathie/-Enzephalopathie).

2. Branchen

Top-3-Branchen

  1. Chemielabor / Pharma-F&E — HPLC, Synthese, Reinigung.
  2. Klebstoff- / Lackindustrie — Methanol als Lösemittel.
  3. Biokraftstoff- / Biodiesel-Produktion — Umesterung mit Methanol.

3. Untersuchungsumfang

Anamnese: Sehstörungen, Kopfschmerz, Übelkeit, neurologische Symptome.

UntersuchungZweck
Optometrie + Farbsehtest (Ishihara, Pseudoisochromatische Tafeln)Sehnerv-Schäden, Optikusneuropathie
Bei Verdacht: Augenarzt-Konsil mit OCT, GesichtsfeldbestimmungPräzise Sehnerv-Diagnostik
Neurologischer StatusLösemittel-Polyneuropathie
Methanol im Blut/Urin (Biomonitoring; BGW 15 mg/l Urin)Innere Belastung
Blutbild, GPT, GGT, Glucose, KreatininStoffwechsel, Leber, Niere
Notfall Methanol-Vergiftung: Sofort Klinik. Antidot: Ethanol (oral oder i.v.) oder Fomepizol; Hämodialyse zur Elimination; Folinsäure als Cofaktor. Sehstörungen bedeuten oft schon irreversiblen Schaden.

Fristen

Erstvorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; zweite Vorsorge spätestens nach 12 Monaten, weitere spätestens alle 36 Monate; Wunschvorsorge bei Sehstörungen.

4. IAAI in der Praxis

  • Optometrie und Farbsehtest in der eigenen Praxis.
  • Methanol-Biomonitoring (Blut/Urin) über Labor.
  • Schulung: Antidot-Management Methanol-Vergiftung. Bei Verdacht sofort Klinik.
  • Augenarzt-Anbindung für OCT bei Verdachtsdiagnose.

5. Häufige Fragen (FAQ)

Wer braucht Methanol-Vorsorge?

Chemielabor, Pharma-F&E, Klebstoff-/Lackindustrie, Biokraftstoff-Produktion mit relevanter Methanol-Exposition.

Was bewirkt Methanol-Vergiftung?

Akut: Kopfschmerz, Übelkeit, Sehstörungen bis Erblindung, Bewusstlosigkeit, Tod. Latenzzeit 12–24 Stunden möglich.

Wie wird Methanol-Vergiftung behandelt?

Antidot: Ethanol oder Fomepizol (blockiert Alkoholdehydrogenase). Hämodialyse zur Elimination. Folinsäure als Cofaktor.

Wie hoch ist BGW?

Methanol im Urin: 15 mg/l (BGW). Bei Werten darüber Reduktion der Exposition.

Sind Sehstörungen reversibel?

Bei rechtzeitiger Antidot-Therapie ggf. teilweise reversibel. Bei Spätdiagnose oft irreversibel.

BK 1306 / 1317?

BK 1306: Methanol-Erkrankungen. BK 1317: Lösemittel-induzierte Polyneuropathie/Enzephalopathie. Beide nach gesicherter Exposition.

6. Quellen

  • DGUV-Empfehlungen für arbeitsmedizinische Beratungen und Untersuchungen (2022)
  • ArbMedVV; GefStoffV (TRGS 900, 903)
  • BKV Anlage 1, BK 1306 / BK 1317
  • AMR 2.1, AMR 6.3

Stand: 30. April 2026 · Johannes F. Angerer, Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst, IAAI Arbeitssicherheit GmbH

Augenärztin führt Funduskopie zur Sehnerv-Beurteilung durch
Funduskopie zur Sehnerv-Beurteilung im Rahmen der Methanol-Vorsorge.
Industriereiniger mit Atemschutz an Tauchreinigungsanlage mit methanolhaltigem Reiniger
Tauchreinigungsanlage mit methanolhaltigem Reiniger in der Spezialreinigung.
Kontakt aufnehmen
G10-Untersuchung auf einen Blick

Die G10-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Vorsorge nach ArbMedVV für Beschäftigte, die Methanol einatmen oder Hautkontakt damit haben, etwa im Labor, in der Klebstoff- und Lackherstellung oder in der Biodiesel-Produktion. Seit 2022 ersetzt die DGUV-Empfehlung den früheren Grundsatz G 10. Im Mittelpunkt stehen das Sehvermögen und das Biomonitoring im Urin.

ArtPflichtvorsorge, wenn der AGW nicht eingehalten wird oder Hautkontakt die Gesundheit gefährden kann, sonst Angebotsvorsorge
RechtsgrundlageArbMedVV Anhang Teil 1 Abs. 1 Nr. 1 (Pflicht) und Abs. 2 Nr. 1 (Angebot)
Für wenChemie- und Pharmalabore, Klebstoff- und Lackindustrie, Biokraftstoff-Produktion
Fristvor Aufnahme der Tätigkeit, spätestens nach 12 Monaten, dann spätestens alle 36 Monate (AMR 2.1)
Kostenträgt der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG)
Wer untersuchtFacharzt für Arbeitsmedizin oder Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV)

Ist die Methanol-Vorsorge Pflicht?

Das hängt von der Vorsorgeart ab, die sich aus der Gefährdungsbeurteilung ergibt:

  • Pflichtvorsorge: Sie dürfen die Tätigkeit nur ausüben, wenn Sie am Vorsorgetermin teilgenommen haben (§ 4 Abs. 2 ArbMedVV). Pflicht ist das Beratungsgespräch. Sehtest, Blutentnahme oder andere Untersuchungen können Sie ablehnen.
  • Angebotsvorsorge: Der Arbeitgeber muss sie anbieten, die Teilnahme ist freiwillig. Lehnen Sie ab, muss er sie in den vorgesehenen Abständen erneut anbieten.
  • Wunschvorsorge: Sie können die Vorsorge selbst verlangen, etwa wenn Sie Sehstörungen oder Kopfschmerzen mit der Arbeit in Verbindung bringen.

Der Arbeitgeber erhält nur eine Vorsorgebescheinigung mit Datum, Anlass und nächstem Termin. Befunde und Laborwerte bleiben unter ärztlicher Schweigepflicht.

Wer führt die Vorsorge nach G 10 durch und wer zahlt?

Nur ein Facharzt für Arbeitsmedizin oder ein Arzt mit der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV). Ein Hausarzt darf die Vorsorge nur übernehmen, wenn er eine dieser Qualifikationen hat. Ist ein Betriebsarzt bestellt, soll der Arbeitgeber vorrangig ihn beauftragen (§ 3 Abs. 2 ArbMedVV). Er kennt die Arbeitsplätze und die eingesetzten Stoffe. Bei auffälligem Sehtest überweist er zum Augenarzt.

Die Kosten trägt der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG). Die Vorsorge soll während der Arbeitszeit stattfinden (§ 3 Abs. 3 ArbMedVV).

Die IAAI führt die Methanol-Vorsorge bundesweit durch, vor Ort im Betrieb oder in der Praxis. Angebot anfordern

Was wird bei der G10-Untersuchung gemacht?

Die G10-Untersuchung umfasst ein Beratungsgespräch, Fragen nach Sehstörungen, Kopfschmerzen und neurologischen Beschwerden, einen Sehtest mit Farbsehprüfung und Laborwerte wie Blutbild, Leber- und Nierenwerte. Hinzu kommt das Biomonitoring von Methanol im Urin. Bei auffälligem Sehtest überweist der Arzt zum Augenarzt.

Wie oft wird die G10-Untersuchung wiederholt?

Die erste G10-Untersuchung findet vor Aufnahme der Tätigkeit statt, die zweite spätestens zwölf Monate danach und jede weitere spätestens nach 36 Monaten (AMR 2.1). Der Arzt kann kürzere Abstände festlegen, wenn es arbeitsmedizinisch nötig ist. Bei Sehstörungen können Sie jederzeit zusätzlich eine Wunschvorsorge verlangen.

Muss ich eine Urinprobe abgeben?

Nein, die Urinprobe ist freiwillig: Biomonitoring gehört zur Vorsorge, darf aber nicht gegen Ihren Willen erfolgen (§ 6 Abs. 2 ArbMedVV). Die Probe zeigt, wie viel Methanol Ihr Körper tatsächlich aufgenommen hat, auch über die Haut. Das Ergebnis erfahren Sie, der Arbeitgeber nicht.

Was tun bei Sehstörungen zwischen zwei Terminen?

Treten Sehstörungen nach einer akuten Methanol-Exposition auf, ist das ein Notfall: sofort Notruf oder Klinik. Bei länger bestehenden, leichteren Beschwerden können Sie jederzeit eine Wunschvorsorge beim Betriebsarzt verlangen (§ 5a ArbMedVV).