Gefahrstoffe · DGUV-Empfehlung · Fassung Januar 2022

G9-Untersuchung: Vorsorge bei Quecksilber und anorganischen Verbindungen

Auf einen Blick: Pflicht- und Angebotsvorsorge bei Hg-Exposition. Schwerpunkte: Niere (Tubulopathie), ZNS (Tremor, Erethismus). BGW 25 µg Hg/g Kreatinin im Urin (TRGS 903). Branchen: Zahnmedizin (Amalgam), Chlor-Alkali, Sondermüll. BK 1102.
Johannes F. Angerer · Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst · Aktualisiert 30. April 2026 · 12 Min Lesezeit

„Anorganisches Quecksilber führt zu Tubulopathie und ZNS-Schäden (Tremor, Erethismus mercurialis).“

— DGUV Empfehlungen für arbeitsmedizinische Beratungen und Untersuchungen, Fassung Januar 2022

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Fristen der Vorsorge
Erste Vorsorge
innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Zweite Vorsorge
spätestens zwölf Monate nach Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 2 Buchst. c)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)
Die Fristen sind Höchstfristen. Der Arzt oder die Ärztin kann kürzere Fristen festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht notwendig ist (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 4).

1. Worum geht es?

Anorganisches Quecksilber (Hg-Dampf, Hg-Salze) wird inhalativ und perkutan aufgenommen. Wirkt nephrotoxisch (Tubulopathie) und neurotoxisch (Tremor, Erethismus mercurialis = Reizbarkeit, Wesensänderung). Pflichtvorsorge, wenn der AGW nicht eingehalten wird oder eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann; Angebotsvorsorge, wenn eine Exposition nicht ausgeschlossen werden kann. BK 1102 (Erkrankungen durch Quecksilber).

2. Branchen

  1. Zahnmedizin — Amalgam-Verarbeitung (auslaufend, Verbot 2025 nach EU).
  2. Chlor-Alkali-Elektrolyse — Hg-Zellen (Amalgamverfahren, in der EU nicht mehr zulässig; Exposition heute vor allem bei Rückbau und Sanierung alter Anlagen).
  3. Sondermüll-Recycling — Leuchtstoffröhren, Thermometer.

3. Untersuchungsumfang

UntersuchungZweck
Hg im Urin (BGW 25 µg/g Krea)Innere Belastung, Nieren-Risiko
Urinstatus + α1-Mikroglobulin / NAGTubuläre Nierenfunktion
Neurologischer Status (Feinmotorik, Tremor)ZNS-Schäden
Inspektion Mund/GingivaStomatitis mercurialis

Fristen

Erste Vorsorge vor Aufnahme der Tätigkeit; zweite Vorsorge spätestens nach 12 Monaten, jede weitere spätestens nach 36 Monaten (AMR 2.1); bei Beschwerden Wunschvorsorge (§ 5a ArbMedVV).

4. IAAI in der Praxis

  • Hg-Urin-Biomonitoring über Labor.
  • Neurologischer Status, Feinmotorik-Tests vor Ort.
  • Schulung Hg-Hygiene (Aerosolvermeidung, Quecksilber-Spillkit).
  • BK-1102-Begleitung bei Verdacht.

5. Häufige Fragen (FAQ)

Wer braucht Hg-Vorsorge?

Zahnmedizin (Amalgam, auslaufend), Chlor-Alkali (auslaufend), Sondermüll-Recycling, ggf. Forschungslabore.

Was ist Erethismus mercurialis?

Charakteristisches ZNS-Syndrom durch Hg: Reizbarkeit, Übererregbarkeit, Schlafstörungen, Wesensänderung.

Wie hoch ist BAT?

25 µg Hg/g Kreatinin im Urin (BAT-Wert der DFG, als BGW in die TRGS 903 übernommen). Bei Überschreitung Reduktion der Exposition.

BK 1102?

Erkrankungen durch Quecksilber oder seine Verbindungen — anerkannte Berufskrankheit.

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber gemäß § 3 Abs. 3 ArbSchG.

6. Quellen

  • DGUV Empfehlungen für arbeitsmedizinische Beratungen und Untersuchungen, Fassung Januar 2022
  • ArbMedVV; GefStoffV (TRGS 900, 903)
  • BKV Anlage 1, BK 1102
  • EU-Verordnung 2017/852 (Quecksilber)

Stand: 30. April 2026 · Johannes F. Angerer, Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst, IAAI Arbeitssicherheit GmbH

Patient bei der Schriftprobe zur Tremor-Verlaufskontrolle
Schriftprobe zur Tremor-Verlaufskontrolle in der Hg-Vorsorge.
Lampenrecycling mit Vollschutz beim Sortieren quecksilberhaltiger Leuchtstoffröhren
Lampenrecycling mit Vollschutz — typische Hg-Exposition.
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G9-Untersuchung auf einen Blick

Die G9-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Vorsorge nach ArbMedVV für Beschäftigte, die Quecksilberdampf oder anorganischen Quecksilberverbindungen ausgesetzt sein können, etwa beim Recycling von Leuchtstoffröhren und Thermometern. Den früheren DGUV-Grundsatz G 9 hat 2022 die DGUV-Empfehlung zu Quecksilber und anorganischen Quecksilberverbindungen abgelöst, die G-Nummer ist umgangssprachlich geblieben. Für Methyl- und Dimethylquecksilber gilt eine eigene Empfehlung, siehe Alkylquecksilberverbindungen.

ArtPflichtvorsorge, wenn der Arbeitsplatzgrenzwert nicht eingehalten wird oder eine Gefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann; sonst Angebotsvorsorge bei möglicher Exposition
RechtsgrundlageArbMedVV Anhang Teil 1 (Gefahrstoffe), Fristen nach AMR 2.1
Für wenBeschäftigte mit Kontakt zu Quecksilberdampf oder Quecksilbersalzen
Fristvor Beginn, spätestens nach 12 Monaten, dann spätestens alle 36 Monate
Kostenträgt der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG)
Wer darf untersuchenFacharzt für Arbeitsmedizin oder Arzt mit Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin

Ist die G9-Untersuchung Pflicht?

Das ergibt die Gefährdungsbeurteilung. Wird der Arbeitsplatzgrenzwert für Quecksilber nicht eingehalten oder kann eine Gesundheitsgefährdung durch Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden, handelt es sich um Pflichtvorsorge. Der Arbeitgeber muss sie veranlassen, und die Tätigkeit darf erst beginnen, wenn die Vorsorge stattgefunden hat (§ 4 ArbMedVV). Ist eine Exposition möglich, liegt aber keiner dieser Fälle vor, muss er Angebotsvorsorge anbieten.

Für Beschäftigte heißt das:

  • Bei Pflichtvorsorge ist die Teilnahme am ärztlichen Beratungsgespräch Voraussetzung für die Tätigkeit.
  • Körperliche Untersuchungen finden nur statt, wenn Sie nicht widersprechen.
  • Ein Angebot können Sie ablehnen. Der Arbeitgeber muss es trotzdem regelmäßig wiederholen.

Ändern sich Verfahren oder Mengen, prüft der Arbeitgeber die Einstufung neu.

Wer darf untersuchen, und was erfährt der Arbeitgeber?

Die Vorsorge darf nur ein Facharzt für Arbeitsmedizin oder ein Arzt mit der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin durchführen (§ 7 ArbMedVV). Ein Hausarzt ohne diese Qualifikation kommt dafür nicht in Frage.

Der Arbeitgeber erhält eine Vorsorgebescheinigung mit Datum, Anlass und nächstem Termin. Befunde und Laborwerte wie der Quecksilbergehalt im Urin unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht. Zeigt die Vorsorge, dass die Schutzmaßnahmen nicht ausreichen, teilt der Arzt dies dem Arbeitgeber mit und schlägt Verbesserungen vor, ohne persönliche Befunde zu nennen.

IAAI führt die Quecksilber-Vorsorge bundesweit durch, bei Ihnen im Betrieb oder in unserer Praxis. Angebot anfordern

Was ist die G9-Untersuchung?

Die G9-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für Beschäftigte mit Kontakt zu metallischem Quecksilber oder anorganischen Quecksilberverbindungen. Grundlage ist die ArbMedVV, fachlich orientiert sich der Arzt an der DGUV-Empfehlung, die 2022 den Grundsatz G 9 abgelöst hat. Für Alkylquecksilberverbindungen gibt es heute eine eigene Empfehlung.

Was wird bei der G9-Untersuchung gemacht?

Bei der G9-Untersuchung führt der Arzt ein Beratungsgespräch und bietet je nach Gefährdung eine Untersuchung von Nervensystem, Nieren und Mundschleimhaut sowie die Bestimmung von Quecksilber im Urin an. Das Beratungsgespräch ist bei Pflichtvorsorge verbindlich. Untersuchungen erfolgen nach § 2 Abs. 1 Nr. 3 ArbMedVV nur, wenn Sie sie nicht ablehnen.

Wie oft muss die G9-Untersuchung wiederholt werden?

Die zweite G9-Untersuchung ist spätestens 12 Monate nach Beginn der Tätigkeit fällig, danach jede weitere spätestens nach 36 Monaten. Diese Höchstfristen legt die AMR 2.1 fest. Der Arzt kann kürzere Abstände bestimmen, wenn er das für nötig hält.

Muss ich bei der Vorsorge eine Urinprobe abgeben?

Nein, die Urinprobe ist freiwillig. Biomonitoring gehört zur Vorsorge, darf nach § 6 Abs. 2 ArbMedVV aber nicht gegen Ihren Willen erfolgen. Der Messwert zeigt, wie viel Quecksilber Ihr Körper aufgenommen hat, und das Ergebnis erfahren nur Sie und der Arzt.