Auf einen Blick
Vinylchlorid (VC, Chlorethen, CAS 75-01-4) ist ein farbloses Gas mit süßlichem Geruch — das Monomer für Polyvinylchlorid (PVC). Wer in der PVC-Produktion, der Polymerisation, der Reaktorinnenreinigung oder bei Wartungsarbeiten an VC-führenden Anlagen exponiert sein kann, unterliegt der Pflichtvorsorge nach ArbMedVV. VC ist als krebserzeugend Kategorie 1A eingestuft („kann beim Menschen Krebs erzeugen“) und löst spezifisch das Leberangiosarkom aus — die BK 1302. Weitere Befunde: Akro-Osteolyse (Knochenresorption an den Fingerendgliedern), Raynaud-Phänomen, sklerodermiforme Hautveränderungen, Lebertoxizität. Der AGW liegt seit 2020 bei 1 ppm. Nachgehende Vorsorge muss angeboten werden.


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1. Was ist die Vinylchlorid-Vorsorge?
Die Vinylchlorid-Vorsorge ist die arbeitsmedizinische Vorsorge für alle Beschäftigten, die bei Tätigkeiten mit Vinylchlorid (VC, Chlorethen) exponiert sein können. Sie ist im DGUV-Empfehlungswerk geregelt.
VC ist ein farbloses, extrem entzündbares Gas mit süßlichem Geruch. Es ist das Monomer für die PVC-Polymerisation und wird in geschlossenen Anlagen verarbeitet. Krebserzeugend Kategorie 1A nach CLP. Die spezifische Berufskrankheit ist das Leberangiosarkom (BK 1302) — ein extrem seltener, aber durch VC-Exposition stark induzierter bösartiger Tumor der Leber.
2. Rechtsgrundlage und Stand April 2026
- ArbMedVV Anhang Teil 1 Nr. 1 (Tätigkeiten mit Gefahrstoffen)
- GefStoffV 2024; TRGS 900 (AGW 1 ppm); TRGS 910 (Risikokonzept für CMR-Stoffe Kat. 1A)
- Biomonitoring: Thiodiglykolsäure im Urin als Expositionsmarker (AMR 6.2)
- AMR 2.1, 6.2, 6.3, 11.1
- MuSchG: unzulässige Tätigkeit für Schwangere und Stillende (§§ 11, 12), Beschäftigungsverbot nur nachrangig (§ 13)
- BKV — BK 1302 (Halogenkohlenwasserstoffe), BK 1310 (halogenierte Alkyl-, Aryl- oder Alkylaryloxide); Leberangiosarkom durch VC fällt unter BK 1302
3. Vorsorgeanlässe
3.1 Pflichtvorsorge
Wenn eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann, auch bei Konzentrationen unterhalb des AGW, da VC krebserzeugend Kategorie 1A ist. Reaktorinnenreinigung, Polymerisation, Wartung, Probenahme, Abfüllung.
3.2 Nachgehende Vorsorge (Angebot)
Nach Ende der Tätigkeit anzubieten, nach dem Ausscheiden mit Einwilligung der Beschäftigten über DGUV Vorsorge (www.dguv-vorsorge.de). Begründung: extrem lange Latenzzeit für Leberangiosarkom.
3.3 Wunschvorsorge
Auf Wunsch der versicherten Person, sofern Gesundheitsschaden nicht von vornherein ausgeschlossen werden kann.
| Vorsorgeart | Erstvorsorge | Erste Nachvorsorge | Folgevorsorgen |
|---|---|---|---|
| Pflichtvorsorge | vor Tätigkeitsaufnahme | nach 12 Monaten | alle 36 Monate |
| Nachgehende Vorsorge | nach Ausscheiden | nach 12 Monaten | nach Tätigkeitsende spätestens alle 36 Monate, nach dem Ausscheiden über DGUV Vorsorge |
4. Branchen, Krankheitsbild und BK-Risiken

4.1 Tätigkeiten mit höherer Exposition
- PVC-Produktion (Polymerisation, Suspension, Emulsion)
- Reaktorinnenreinigung nach Polymerisationszyklus
- Probenahme an VC-führenden Anlagen
- Wartung und Instandhaltung von Tanks, Rohrleitungen, Ventilen
- Abfüllung und Transport (selten heute)
4.2 Krankheitsbild
Akute Wirkung: narkotisch (Erregungs- und Rauschzustände, Schwindel) bei sehr hohen Konzentrationen. Chronische Folgen: Leberangiosarkom (Krebs der Lebergefäße — BK 1302), Leberzirrhose, hepatozelluläres Karzinom, periphere Akro-Osteolyse (Knochenresorption an den Fingerendgliedern — typisches Trommelschlegel-Syndrom), Raynaud-Phänomen (vasospastische Anfälle), sklerodermiforme Haut- und Bindegewebsveränderungen.
4.3 Branchen
PVC-produzierende Chemiebetriebe (in Deutschland v.a. Vestolit Marl, Vinnolit Burghausen, Westlake Vinnolit). Daneben Wartungs- und Reinigungsfirmen, die in PVC-Anlagen arbeiten. Im Vergleich zur Blütezeit der 1960er–1970er Jahre sind die heutigen Expositionen dank geschlossener Anlagen und automatisierter Reinigung um Größenordnungen geringer.
5. Untersuchungsumfang
5.1 Beratung
Aufklärung über spezifisches Krebsrisiko (Leberangiosarkom), Akro-Osteolyse, Raynaud-Phänomen. Hinweis auf zwingenden Schutz vor jeder Exposition (CMR Kat. 1A). Beratung zur PSA: Pressluftatemgerät (PA) oder Schlauchgerät bei Reaktorinnenreinigung; bei Wartung Atemschutz nach Gefährdungsbeurteilung, A-Filter sind für Vinylchlorid ungeeignet. Hautschutzplan mit chemikalienbeständigen Handschuhen.
5.2 Anamnese
- Vorbestehende Lebererkrankungen, Hepatitis-Status
- Schwangerschaftsanamnese (CMR-Stoff Kat. 1A — unzulässige Tätigkeit nach § 11 MuSchG, Rangfolge der Schutzmaßnahmen nach § 13 MuSchG)
- Hautanamnese (sklerodermiforme Veränderungen)
- Raynaud-Symptome, Akro-Osteolyse-Hinweise
- Alkoholanamnese (Confounder für Lebertoxizität)
5.3 Körperliche Untersuchung
Inspektion Haut, Hände (Trommelschlegel?), Leber-/Milz-Palpation. Bei Verdacht: digitale Kapillarmikroskopie (Raynaud), Röntgen Fingerendglieder (Akro-Osteolyse).
5.4 Labordiagnostik / Biomonitoring
| Parameter | Material | Bedeutung |
|---|---|---|
| Thiodiglykolsäure (TDGS) | Urin, Schichtende | VC-Metabolit als Expositionsmarker |
| γ-GT, ALAT, ASAT, AP | Blut | Leberparameter |
| Bilirubin, Albumin, INR | Blut | Lebersyntheseparameter |
| Alpha-Fetoprotein (AFP) | Blut | Tumormarker (HCC) |
5.5 Funktionsdiagnostik / Bildgebung
Oberbauch-Sonographie nach ärztlicher Indikation zur Verlaufsbeobachtung von Leberparenchym und fokalen Befunden. Bei auffälligen Befunden: MRT/CT in Kooperation mit Hepatologie. Bei Akro-Osteolyse-Verdacht: Röntgen.
6. Beurteilung und Bescheinigung
Vier-Stufen-Beurteilung nach DGUV. Bei jeder Auffälligkeit (Leberparameter, Sonographie, Akro-Osteolyse, Raynaud): Stufe 2–4 mit verkürzten Fristen oder Tätigkeitswechsel. Vorsorgebescheinigung nach AMR 6.3 ohne Befund-Mitteilung an Arbeitgeber. Ergeben sich Anhaltspunkte, dass die Schutzmaßnahmen nicht ausreichen: Mitteilung an den Arbeitgeber ohne Befunde (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV).
7. Praxistipps für Unternehmen
- Geschlossene Systeme zwingend. Polymerisation und Reaktorinnenreinigung in geschlossenen Anlagen mit Stickstoff-Spülung und Lokalabsaugung.
- STOP-Prinzip. Substitution durch andere Polymerisationsverfahren wo möglich; technische Schutzmaßnahmen (geschlossene Anlagen, Lokalabsaugung); organisatorisch (Expositionszeit-Limit); PSA (PA-Gerät bei Reaktorinnenreinigung).
- Nachgehende Vorsorge anmelden. Beim Ausscheiden mit Einwilligung der Beschäftigten an DGUV Vorsorge übertragen (§ 5 Abs. 3 ArbMedVV).
- Mutterschutz strikt. Unzulässige Tätigkeit für Schwangere (§ 11 MuSchG) und Stillende (§ 12 MuSchG), Beschäftigungsverbot nur nachrangig nach § 13 MuSchG.
- Oberbauch-Sonographie nach ärztlicher Indikation. Insbesondere bei längerer Expositionsdauer.
- Biomonitoring. Thiodiglykolsäure am Schichtende.
- Unterweisung jährlich. Krebsrisiko, Notfallverhalten, PSA-Tragepflicht.
Häufige Fragen (FAQ)
Wann ist Pflichtvorsorge bei Vinylchlorid zwingend?
Wenn eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann, unabhängig von der Konzentration. VC ist krebserzeugend Kategorie 1A (TRGS 910 strengster Prüfmaßstab).
Was ist die BK 1302?
Berufskrankheit „Erkrankungen durch Halogenkohlenwasserstoffe“ (BK 1302), darunter das Leberangiosarkom durch Vinylchlorid. Die Latenzzeit beträgt 15–40 Jahre.
Wie häufig muss die Vorsorge stattfinden?
Zweite Vorsorge spätestens 12 Monate nach Aufnahme der Tätigkeit, danach spätestens alle 36 Monate (AMR 2.1); kürzere Fristen nach ärztlicher Festlegung. Nachgehende Vorsorge nach dem Ausscheiden mit Einwilligung über DGUV Vorsorge, ebenfalls spätestens alle 36 Monate.
Welche Biomonitoring-Parameter werden eingesetzt?
Thiodiglykolsäure (TDGS) im Urin als VC-Metabolit. Ergänzend Leberparameter (γ-GT, ALAT, ASAT, AP, Bilirubin) und Alpha-Fetoprotein als Tumormarker.
Was bedeutet Akro-Osteolyse?
Knochenresorption an den Fingerendgliedern — typisch für VC-Exposition. Klinisch: Trommelschlegel-Finger, Schmerzen, Kraftverlust. Diagnose röntgenologisch.
Was ist beim Schwangerschaftsschutz zu beachten?
VC ist CMR Kat. 1A — unzulässige Tätigkeit nach § 11 MuSchG für Schwangere und § 12 MuSchG für Stillende. Wechsel auf nicht-exponierte Tätigkeit Pflicht.
Welche PSA ist bei Reaktorinnenreinigung Pflicht?
Pressluftatemgerät (PA) oder Schlauchgerät mit Frischluftversorgung — Filtergeräte (A-Filter) reichen bei möglichen Restkonzentrationen nicht aus. Chemikalienschutzanzug Typ 4/5/6.
Wie lange müssen Vorsorgedokumente aufbewahrt werden?
Die Vorsorgekartei führt der Arbeitgeber bis zum Ende der Beschäftigung (§ 3 Abs. 4 ArbMedVV); das Expositionsverzeichnis nach § 14 GefStoffV ist 40 Jahre nach Ende der Exposition aufzubewahren. Für die nachgehende Vorsorge gehen mit Einwilligung Kopien an den Unfallversicherungsträger.
Quellen und weiterführende Informationen
- DGUV Empfehlung „Vinylchlorid“
- ArbMedVV vom 18.12.2008, zuletzt geändert durch Art. 1 V v. 11.05.2026
- GefStoffV 2024; TRGS 900 (AGW 1 ppm), 903, 910
- AMR 2.1, 6.2, 6.3, 11.1
- BKV — BK 1302 (Leberangiosarkom)
- DGUV Vorsorge-Portal — www.dguv-vorsorge.de
- GESTIS-Stoffdatenbank, IFA — Vinylchlorid (CAS 75-01-4)
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Stand: April 2026. Dieser Text ersetzt keine arbeitsmedizinische oder rechtliche Einzelfallberatung. Inhalte fassen die DGUV-Empfehlung, ArbMedVV, GefStoffV und TRGS 910 verständlich zusammen — verbindlich sind die Originalfassungen.