Gefahrstoffe · DGUV-Empfehlung

G27-Untersuchung: Vorsorge bei Tätigkeiten mit Isocyanaten

Auf einen Blick: Pflicht- und Angebotsvorsorge bei MDI, TDI, HDI, IPDI. Hauptrisiko: Berufsasthma (BK 1315), Hyperreagibilitätssyndrom, Pneumonitis. Spirometrie + spez. IgE/Immunglobuline.
Johannes F. Angerer · Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst · Aktualisiert 30. April 2026 · 11 Min Lesezeit

„Isocyanate sind hochpotente Atemwegssensibilisatoren — bereits geringste Konzentrationen unterhalb des AGW können bei sensibilisierten Personen Asthma-Anfälle auslösen.“

— DGUV-Empfehlung

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Welche Vorsorge braucht Ihr Betrieb?

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Fristen der Vorsorge
Erste Vorsorge
innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 1)
Zweite Vorsorge
spätestens sechs Monate nach Aufnahme der Tätigkeit (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 2 Buchst. a)
Jede weitere Vorsorge
spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen Vorsorge (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 3)
Die Fristen sind Höchstfristen. Der Arzt oder die Ärztin kann kürzere Fristen festlegen, wenn dies aus arbeitsmedizinischer Sicht notwendig ist (AMR 2.1 Ziffer 3 Abs. 4).

1. Worum geht es?

Isocyanate (MDI, TDI, HDI, IPDI) sind hochreaktive PUR-Vorprodukte. Atemwegs- und Hautsensibilisierung, asthmoide Reaktionen, Hyperreagibilität. Pflichtvorsorge, wenn regelmäßiger Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann oder eine Luftkonzentration von 0,05 mg/m³ überschritten wird; Angebotsvorsorge, wenn ein Hautkontakt nicht ausgeschlossen werden kann oder die Luftkonzentration von 0,05 mg/m³ eingehalten wird (ArbMedVV Anhang Teil 1). Berufskrankheit: BK 1315 (durch Isocyanate verursachte Erkrankungen).

2. Branchen-Schlaglicht

Top-3-Branchen

  1. Lackierereien (KFZ, Industrie) — 2K-PUR-Lacke mit HDI/IPDI.
  2. PUR-Schaumherstellung — Matratzen, Dämmstoffe, MDI/TDI.
  3. Klebstoff-/Bauchemie — PUR-Klebstoffe, Bauschaum.

3. Untersuchungsumfang

Anamnese: Atemwegsanamnese, Atopiker-Status, Beschwerden im Tagesverlauf, Wochenende-Besserung (Hinweis auf Berufsasthma), Hautekzem.

UntersuchungZweck
Spirometrie (FEV1, FVC, MEF50)Obstruktion, asthmoide Befunde
Bei Verdacht: bronchiale Provokation, Peak-Flow-TagebuchAsthma-Diagnostik
Spez. IgE / Immunglobuline (MDI/TDI/HDI/IPDI)Allergische Sensibilisierung
Inspektion HautKontaktekzem, Sensibilisierung
Wichtig: Bei Verdacht auf Isocyanat-Asthma sofortige Expositionsabklärung. Sensibilisierte Personen reagieren bereits unterhalb des AGW; weitere Exposition kann lebensbedrohlich werden.

Fristen (AMR 2.1)

Erste Vorsorge innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit, zweite spätestens sechs Monate danach, jede weitere spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen (AMR 2.1). Wunschvorsorge bei Atemwegsbeschwerden.

4. IAAI in der Praxis

  • Spirometrie und IgE-Bestimmung in der eigenen Praxis bzw. über unsere Labor-Anbindung.
  • Peak-Flow-Tagebuch für Versicherte mit Asthma-Verdacht.
  • Atemschutz-Schulung (Vollmaske mit Kombinationsfilter A2B2P3 / gebläseunterstützte Systeme).
  • BK-1315-Verdachtsanzeige in Kooperation mit Pneumologie.

5. Häufige Fragen (FAQ)

Welche Isocyanate sind relevant?

MDI (Methylendiphenyldiisocyanat), TDI (Toluylendiisocyanat), HDI (Hexamethylendiisocyanat), IPDI (Isophorondiisocyanat) und ihre Präpolymere.

Was ist BK 4302?

Durch chemisch-irritativ oder toxisch wirkende Stoffe verursachte obstruktive Atemwegserkrankungen. Erkrankungen durch Isocyanate fallen unter die eigene BK 1315.

Wie erkenne ich Berufsasthma?

Atemnot/Husten am Arbeitsplatz, Besserung am Wochenende, Verschlechterung nach Wiederaufnahme. Peak-Flow-Tagebuch hilft Diagnose.

Wie oft muss ich zur Vorsorge?

Erste Vorsorge innerhalb von drei Monaten vor Aufnahme der Tätigkeit, zweite spätestens sechs Monate danach, jede weitere spätestens 36 Monate nach der vorangegangenen (AMR 2.1). Wunschvorsorge bei Beschwerden.

Welcher Atemschutz?

Vollmaske mit Kombinationsfilter A2B2P3 oder gebläseunterstützte Systeme. Bei hohem Aerosolanteil Druckluftatmer.

Wer trägt die Kosten?

Der Arbeitgeber gemäß § 3 Abs. 3 ArbSchG.

6. Quellen

  • DGUV-Empfehlungen für arbeitsmedizinische Beratungen und Untersuchungen (2022)
  • TRGS 430 (Isocyanate); ArbMedVV; GefStoffV
  • BKV Anlage 1, BK 1315 / BK 4302
  • AMR 2.1, AMR 6.3

Stand: 30. April 2026 · Johannes F. Angerer, Arzt im arbeitsmedizinischen Dienst, IAAI Arbeitssicherheit GmbH

Betriebsärztin führt Spirometrie und Allergie-Diagnostik mit Patch-Test bei einem Polyurethan-Mitarbeiter durch
Spirometrie und Patch-Test bzw. spezifische IgE-Bestimmung als Kern der Isocyanate-Vorsorge.
Industrielackierer in weißem Maleranzug mit Frischluft-Helm beim Aufbringen eines 2K-Lacks in einer abgesaugten Lackierkabine
2K-Lackierung mit Frischluft-Helm in Lackierkabine — Hochrisikoumgebung für HDI/IPDI-Aerosole.
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G27-Untersuchung auf einen Blick

Die G27-Untersuchung ist die arbeitsmedizinische Vorsorge nach ArbMedVV für Beschäftigte, die mit Isocyanaten wie MDI, TDI, HDI oder IPDI arbeiten, etwa beim Lackieren mit 2K-PUR-Lacken, in der Schaumstoffherstellung oder mit PUR-Klebstoffen und Bauschaum. Seit 2022 heißt sie offiziell DGUV-Empfehlung „Isocyanate“. Im Mittelpunkt steht die Früherkennung von Berufsasthma.

ArtPflicht- oder Angebotsvorsorge nach ArbMedVV, keine Eignungsuntersuchung
RechtsgrundlageArbMedVV Anhang Teil 1, TRGS 430
Für wenLackierer mit 2K-PUR-Lacken, PUR-Schaum- und Klebstoffherstellung, Bauchemie
Fristerste Vorsorge bis 3 Monate vor Beginn, zweite nach spätestens 6, dann alle 36 Monate
Kostenträgt der Arbeitgeber (§ 3 Abs. 3 ArbSchG)
Wer darf untersuchenFacharzt für Arbeitsmedizin oder Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin (§ 7 ArbMedVV)

Ist die G27-Untersuchung Pflicht?

Ergibt die Gefährdungsbeurteilung eine Pflichtvorsorge, muss der Arbeitgeber sie veranlassen. Er darf Sie erst mit Isocyanaten arbeiten lassen, wenn Sie teilgenommen haben (§ 4 Abs. 2 ArbMedVV). Bei geringer Exposition muss er Ihnen die Vorsorge anbieten.

Teilnahme bedeutet das ärztliche Beratungsgespräch. Lungenfunktionsprüfung, Blutentnahme und andere Untersuchungen sind freiwillig. Bei Isocyanaten lohnt sich die Spirometrie trotzdem: Der Vergleich mit Ihren früheren Werten hilft, eine Verschlechterung der Atemwege früh zu erkennen.

Die G 27 ist keine Eignungsuntersuchung. Auch wenn sich eine Sensibilisierung zeigt, entscheidet nicht der Arzt über Ihren Arbeitsplatz. Er berät Sie, und einen Tätigkeitswechsel teilt er dem Arbeitgeber nur mit Ihrer Einwilligung mit.

Für Arbeitgeber gilt: Wer Pflichtvorsorge nicht oder nicht rechtzeitig veranlasst oder Angebotsvorsorge nicht anbietet, handelt ordnungswidrig (§ 10 ArbMedVV). Außerdem ist eine Vorsorgekartei zu führen, aus der hervorgeht, wann und aus welchem Anlass die Vorsorge stattfand (§ 3 Abs. 4 ArbMedVV).

Wie läuft die G27-Untersuchung ab?

  1. Der Arzt kennt vorab Ihren Arbeitsplatz und die Gefährdungsbeurteilung, zum Beispiel welche Isocyanate, Lacke oder Schäume eingesetzt werden.
  2. Im Gespräch fragt er nach Husten, Atemnot und Hautproblemen und danach, ob die Beschwerden am Wochenende nachlassen.
  3. Es folgen die Lungenfunktionsprüfung (Spirometrie) und ein Blick auf die Haut.
  4. Je nach Befund kommen Laborwerte, ein Peak-Flow-Tagebuch oder eine Abklärung beim Lungenfacharzt hinzu.
  5. Zum Schluss bespricht der Arzt die Ergebnisse und Ihren Atemschutz mit Ihnen. Sie und Ihr Arbeitgeber erhalten die Vorsorgebescheinigung.

Treten zwischen zwei Terminen Atembeschwerden am Arbeitsplatz auf, sprechen Sie den Betriebsarzt direkt an. Dann können Sie jederzeit eine Wunschvorsorge verlangen (§ 5a ArbMedVV).

Wer darf untersuchen, und was erfährt der Arbeitgeber?

Die Vorsorge darf nur ein Facharzt für Arbeitsmedizin oder ein Arzt mit Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin durchführen (§ 7 ArbMedVV). Ein Hausarzt ohne diese Qualifikation darf sie nicht übernehmen, auch wenn er eine Lungenfunktion messen kann. Den Arzt beauftragt der Arbeitgeber, vorrangig den Betriebsarzt (§ 3 Abs. 2 ArbMedVV). Liegen schon Befunde vom Hausarzt oder Lungenfacharzt vor, bringen Sie diese mit. Sie fließen in die Beurteilung ein.

Der Arbeitgeber erhält nur die Vorsorgebescheinigung mit Anlass und nächstem Termin. Befunde und Diagnosen wie ein Asthma bleiben unter ärztlicher Schweigepflicht. Ergeben sich Hinweise, dass Lüftung, Absaugung oder Atemschutz nicht ausreichen, teilt der Arzt das dem Arbeitgeber mit und schlägt Maßnahmen vor (§ 6 Abs. 4 ArbMedVV), ohne Ihre persönlichen Befunde zu nennen.

G27-Untersuchung mit IAAI

IAAI führt die Vorsorge bei Isocyanaten bundesweit durch, vor Ort in Ihrem Betrieb oder in der Praxis, mit Spirometrie und Beratung zum passenden Atemschutz. Angebot anfordern

Gibt es die G27-Untersuchung noch?

Den DGUV-Grundsatz G 27 gibt es seit 2022 nicht mehr, er wurde durch die DGUV-Empfehlung „Isocyanate“ ersetzt. Die Vorsorge selbst ergibt sich unverändert aus der ArbMedVV. Viele Betriebe verwenden die alte Bezeichnung weiter.

Darf der Hausarzt die G27-Untersuchung machen?

Nur, wenn er Facharzt für Arbeitsmedizin ist oder die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin führt (§ 7 ArbMedVV). Eine Lungenfunktion beim Hausarzt ersetzt die Vorsorge nicht, vorhandene Befunde fließen aber in die Beurteilung ein.

Brauchen Beschäftigte, die nur gelegentlich mit Isocyanaten arbeiten, die G27-Untersuchung?

Auch gelegentliche Tätigkeiten mit Isocyanaten können eine G27-Untersuchung auslösen. Ob Pflicht- oder Angebotsvorsorge gilt, hängt nach ArbMedVV Anhang Teil 1 vor allem davon ab, ob regelmäßiger Hautkontakt möglich ist und ob die Luftkonzentration von 0,05 mg/m³ überschritten wird. Das klärt die Gefährdungsbeurteilung.

Was passiert, wenn bei mir ein Isocyanat-Asthma festgestellt wird?

Der Arzt bespricht mit Ihnen die Befunde und die nächsten Schritte, zum Beispiel eine Abklärung beim Lungenfacharzt. Bei begründetem Verdacht auf eine Berufskrankheit, bei Isocyanaten die BK 1315, muss er diesen dem Unfallversicherungsträger anzeigen (§ 202 SGB VII). Aus der Vorsorge erfährt Ihr Arbeitgeber die Diagnose nicht, einen nötigen Tätigkeitswechsel nur mit Ihrer Einwilligung.

Brauche ich beim Lackieren mit 2K-Lacken zusätzlich eine Atemschutz-Vorsorge?

Ja, wenn Sie dabei Atemschutz tragen: Pflichtvorsorge bei Geräten der Gruppen 2 und 3, Angebotsvorsorge bei Gruppe 1 (ArbMedVV Anhang Teil 4). Mehr dazu in unserem Beitrag G26-Untersuchung. Beide Anlässe lassen sich in einem Termin erledigen.

Wie lange dauert die G27-Untersuchung?

Die Dauer hängt vom Umfang ab. Gespräch und Spirometrie sind in der Regel in einem Termin erledigt, Laborwerte liegen erst nach der Auswertung vor. Die Vorsorge soll während der Arbeitszeit stattfinden, die Kosten trägt der Arbeitgeber.